Chef der Uno-Flüchtlingshilfe: „Ich kann sie nicht in den Krieg zurückschicken“
Im Nahen Osten tobt ein Krieg, dessen Ende nicht absehbar ist. Bevor er ausbrach, waren weltweit rund 117 Millionen Menschen auf der Flucht. Wie viele sind seither dazu gekommen?
MARK ANKERSTEIN: Vorläufigen Schätzungen zufolge liegt die Zahl der Binnenvertriebenen in der Region bei 4,1 Millionen, davon mehr als 800.000 im Libanon. Aber dieser Krieg hat gerade erst begonnen. Sobald die zivile Infrastruktur zunehmend betroffen ist, werden es wohl mehr. Es bleibt zu befürchten, dass das bald der Fall sein könnte.
Sie rechnen mit einem längeren Konflikt?
ANKERSTEIN: Ich glaube nicht, dass dieser Krieg in wenigen Tagen unter Kontrolle ist. Es wird weitere Fluchtbewegungen geben. In der gesamten Region stehen Hilfsgüter aus unseren regionalen und nationalen Vorräten für einen raschen Einsatz bereit. Zu den Hilfsgütern gehören Familienzelte, Decken, Schlafmatten, Küchensets, Eimer, Kanister und Solarlampen. Geschwindigkeit ist der entscheidende Faktor.
Der Krieg treibt Energiepreise. Was bedeutet das für Flüchtlingshilfeorganisationen?
ANKERSTEIN: Je mehr Krisenherde es gibt, desto mehr Mittel müssen verteilt werden. Es steht immer weniger Geld zur Verfügung. Sprit brauchen auch wir zum Transport unserer Güter. Wird der teurer, kostet die Hilfe mehr.
Hinzu kommt, dass viele Regierungen die Budgets für Entwicklungshilfe kürzen. Die USA aber auch die Bundesregierung...
ANKERSTEIN: Die Budgets der Staaten sind in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen: mehr Militär, weniger humanitäre Hilfe. Ich will hier keine Schuldzuweisungen machen, aber das ist Fakt. Je weniger Geld da ist, desto weniger können wir helfen. Hoffnungsfroh stimmt mich, dass wir mehr Spenden aus dem privaten Bereich erhalten haben. Nicht sehr viel mehr, aber der Trend zeigt nach oben. Was die Regierungen beiseiteschieben, bleibt für die Zivilgesellschaft offenbar wichtig. Auch in Deutschland. Aber das kompensiert natürlich nicht, was staatlicherseits an Mitteln weggebrochen ist. Dennoch: Jeder Euro zählt, wir lassen uns nicht entmutigen.
Bis Mitte des Jahres muss die neue, deutlich restriktivere gemeinsame Asylpolitik der Europäischen Union umgesetzt werden. Verrät die Union damit nicht ihre Werte?
ANKERSTEIN: Das entspricht aus meiner Sicht nicht den christlichen Werten, so wie ich sie definiere. Sie werden damit nicht so gelebt, wie es aus meiner Sicht sein sollte.
Ist die Verlagerung von Asylverfahren in Drittstaaten aus Sicht einer Flüchtlingsorganisation überhaupt machbar – ganz unabhängig davon, ob das rechtssicher zu machen wäre? Ändert das etwas an dem Leid der Leute?
ANKERSTEIN: Ganz sicher nicht. Und ich glaube, dass wir bei der Umsetzung der GEAS enorme Probleme kriegen werden. Das liest sich auf dem Papier einfach, die Realität aber sieht anders aus. Es wird viele Versuche geben, sie zu umgehen. Am Ende ist die GEAS nur ein Versuch, das Problem einfach wegzuschieben – ohne wirklich substanziell eine Lösung zu finden.
ANKERSTEIN: Wir verstehen die Herausforderungen überlasteter Asylsysteme und dass Maßnahmen nötig sind, um ihre Funktionsfähigkeit zu sichern. Dabei muss aber gewährleistet bleiben, dass Schutzsuchende ihr Recht auf Asyl tatsächlich wahrnehmen können, denn selbst in vermeintlich sicheren Herkunftsländern kann es individuelle Verfolgung geben. Statt Verantwortung auszulagern, braucht es funktionierende Verfahren vor Ort, faire Verteilung und sichere Zugangswege.
Der Iran-Krieg nimmt öffentliche Aufmerksamkeit vom russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Haben Sie Szenarien, mit wie vielen Flüchtlingen zu rechnen ist, wenn die Ukraine verliert?
ANKERSTEIN: Eine Zahl zu nennen, ist schwierig. Aber: In der Ukraine sind zurzeit fast 3,7 Millionen Menschen auf der Flucht. Nur Binnenflüchtlinge. Von ungefähr 10 Millionen Ukrainern, die ins Ausland geflohen sind, kamen rund 1 Million nach Deutschland. Und wir sind kein direktes Grenzland. Die Zahlen werden steigen, wenn dieser Krieg nicht endet, sondern schlimmer wird.
Die größte humanitäre Katastrophe ereignet sich, seltsam unbeachtet von der Weltöffentlichkeit, im Sudan. Kommen die Menschen, in Zeiten, in denen das Völkerrecht erodiert und sich Kriege häufen, einfach an die Grenzen ihres Mitgefühls – oder wie erklären Sie sich das?
ANKERSTEIN: Ich hoffe nicht, dass es so ist. Ich glaube an das Prinzip der humanitären Hilfe. Viele Menschen in Deutschland und in der Welt tun das auch. Aber die Reizüberflutung der Krisenbilder ist enorm, dadurch kann eine gewisse Abstumpfung stattfinden. Aber Sie haben recht: Aus dem Sudan sind 12 Millionen Menschen geflohen und entwurzelt. Ich war erst Anfang Dezember im Tschad und habe an der Grenze zum Sudan mit Flüchtlingen gesprochen. Das war schon sehr hart. Die Menschen fliehen mit nichts anderem als dem, was sie am Leib tragen. Bei 40 Grad im Schatten. Wir waren frühmorgens da. In der Stunde vor Ort kamen allein 60 Menschen über die Grenze. Sie fliehen vor sehr harter Gewalt. Ich habe mit einer Frau gesprochen, die aus einem Dorf kam, wo einfach wahllos Menschen erschossen wurden: Da hat sie ihre beiden Kinder genommen und ist losgerannt. Ich möchte an der Stelle auch mal meine Hochachtung vor Tschad zum Ausdruck bringen: Das Land hat sich nicht abgeschottet. Die Flüchtlinge dürfen sich innerhalb des Landes auch frei bewegen, werden nicht in Lager gesperrt und können sofort arbeiten. Und der Tschad ist ein sehr armes Land. Aber wir können da sehr gut arbeiten. Ich war in einem Camp, mitten im Niemandsland, da leben 240.000 Menschen. Die müssen komplett von außen versorgt werden.
Mehr Kriege, gekürzte Entwicklungshilfebudgets – das ist ein Teufelskreis, oder?
ANKERSTEIN: Die Menschen sind da. Ich kann sie nicht in den Krieg zurückschicken. Wir müssen sie irgendwie versorgen. Einfach zu sagen, ich höre auf das zu finanzieren, das ist schon krass und es hat lebensbedrohliche Auswirkungen.
Mark Ankerstein ist der Nationale Direktor der Uno-Flüchtlingshilfe. 1980 gegründet, unterstützt diese den weltweiten Einsatz des Hochkommissariats der Vereinten Nationen für Flüchtlinge. 2024 wurden über 36 Millionen Euro für lebensrettende Nothilfe und langfristige Bildungsprojekte bereitgestellt.
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