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„Wir essen mit dem Kopf, nicht mit dem Bauch!“

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10.03.2026

„Doktor Fischer ist dreifacher Facharzt und ein Glücksfall für die Klinik“, beginnt Matthias Schindler das Gespräch. Der Geschäftsführer der Kurpark-Klinik freut sich, dass Thomas Fischer im November 2025 die Funktion des Chefarztes der Fachklinik für ernährungsbedingte Krankheiten übernommen hat. Der gebürtige Stuttgarter kam 2023 an den Bodensee und fungierte erst als Oberarzt, bevor er die medizinische Leitung übernahm. „Hier läuft genau das zusammen, was ich schon immer machen wollte“, sagt Thomas Fischer. „Hier kann ich meine Begeisterung für die Präventionsmedizin ausleben.“

Mehrere Facharztausbildungen

Thomas Fischer lebt mit seiner Frau, die als Hausärztin tätig ist, und den beiden Kindern in Überlingen. Für seine Aufgaben in der Kurpark-Klinik bringt er eine umfassende Expertise mit. Nach seinem Medizinstudium in Tübingen absolvierte Fischer mehrere Facharztausbildungen. Er ist Internist, Endokrinologe und Diabetologe, dazu kann er den Facharzt für Arbeitsmedizin vorweisen sowie die weiteren Schwerpunkte Ernährungsmedizin, Adiposiologie, Naturheilverfahren und Sozial- und Notfallmedizin.

Seine Patienten, die in der Regel wegen einer Adipositas-Erkrankung, also starkem Übergewicht, und damit einhergehenden Folgeerkrankungen zu ihm kommen, treffen also auf einen Chefarzt mit breitem fachlichem Hintergrund. Und eine große Motivation. Wenn Thomas Fischer über seine Arbeit und das Konzept der Klinik spricht, wird das mehr als deutlich. Ihm sei bei seiner Tätigkeit als Internist aufgefallen, dass „wir viele Medikamente verschreiben und es immer mehr werden“, so Fischer. Dabei sei das eigentliche Problem für viele chronische Erkrankungen die falsche Ernährung.

Die Fachklinik für ernährungsabhängige Krankheiten feierte 2025 ihr 50-jähriges Bestehen. Den Schwerpunkt des Konzepts bildeten immer schon die klassischen Naturheilverfahren und das Heilfasten zur Behandlung von ernährungsbedingten Krankheiten. Ein in der Regel dreiwöchiger Aufenthalt in der Kurpark-Klinik ist eine Rehabilitations-Maßnahme, die von den Rentenversicherungsträgern finanziert wird, wenn der behandelnde Arzt eine entsprechende Reha-Bedürftigkeit feststellt. Auch Selbstzahler und Privatpatienten checken in der Überlinger Klinik ein.

Gehirn ist süchtig nach Zucker

Den Patienten werde meistens geraten, weniger und gesund zu essen oder eben FDH (steht für „Friss die Hälfte“) zu praktizieren. Doch so einfach ist das nicht und die stetig ansteigenden Zahlen auch von jungen Menschen, die unter Adipositas leiden, zeigen, dass es andere Konzepte braucht. Zu ihnen kämen oft Menschen, die kaum noch Nahrung zu sich nehmen und trotzdem nicht abnehmen, beschreibt Thomas Fischer. „Wenn ich mich nicht satt esse, ist der Körper im Stress. Das ist quasi ein Dauerhungerzustand“, erläutert er. Der Körper rüstet sich dann für schlechte Zeiten, verbrennt kaum Kalorien und der Verbrennungsprozess funktioniert nicht mehr. Nicht selten komme es dann zum Jo-Jo-Effekt und großem Frust, so Fischer. „Wir essen nicht mit dem Bauch, sondern dem Kopf. Wenn keine andere Denkweise vorhanden ist, wird man zwangsweise wieder zunehmen“, sagt der Facharzt. Eine Schlüsselrolle dabei spiele unser „starkes Belohnungszentrum“. Das Gehirn sei das mächtigste Organ des Körpers und ein sehr egoistisches, das süchtig nach Zucker ist. „Zucker ist für das Gehirn der Hauptenergielieferant und unser Belohnungssystem wird schnell angesprochen“, erklärt der Mediziner. Dieses Prinzip ist evolutionär verankert und basiert auf den Lebensumständen unserer Vorfahren ohne permanente Verfügbarkeit von Lebensmitteln. Thomas Fischer nennt ein Beispiel: „Man findet in der Natur kein Nahrungsmittel, das hohen Fett- und Zuckergehalt kombiniert. Unsere Industrie schafft das problemlos. Das sind die Lebensmittel mit der höchsten Kalorienzahl.“

Die Patienten der Kurpark-Klinik kommen zur Rehabilitation hierher, nicht vordergründig zum Abnehmen. Zu den Folgeerkrankungen von Adipositas gehören neben Diabetes und Bluthochdruck auch entzündliche Gelenkerkrankungen sowie Arthrosen. Thomas Fischer beschreibt den hier praktizierten ganzheitlichen Ansatz. Den Einstieg markiere die reizarme Umgebung, in der die Patienten aus dem Alltag und zur Ruhe kommen. „Je niedriger der Stresslevel, desto weniger ruft das Gehirn nach Belohnung“, so Fischer. Stress löst Botenstoffe im Körper aus, die entzündungsfördernd sind. Die Reha liefert andere Belohnungsreize durch eine ausgewogene Bio-Vollwert-Ernährung, ein Bewegungsangebot, Kochkurse, Entspannungstraining, Schulungen oder Gesprächskreise. Für Thomas Fischer ist dies die ideale Kombination. „Hier können wir sowohl die Stoffwechselmedizin als auch die Präventionsmedizin und Naturheilverfahren anwenden und das alles vordergründig mit der Ernährungsmedizin.“

Fasten ein wesentlicher Baustein

Dazu liegen ihm Naturheilverfahren „sehr am Herzen“, wobei Fasten ein wesentlicher Baustein ist. Danach bekommen die Patienten drei Mahlzeiten pro Tag, so wie sie es zurück im Alltag beibehalten sollten. „Keine Diäten, keine einseitige Kost, dreimal am Tag satt essen, und zwar richtig“, rät Thomas Fischer. Wichtig sei es zudem, achtsam zu essen, vorher etwas zu trinken und keinesfalls Kalorien zu zählen: „Das löst wieder Stress aus“.

Nach den Zukunftsplänen für die Kurpark-Klinik gefragt, betont Geschäftsführer Matthias Schindler die Anforderungen, die das Konzept mit sich bringt: „Wir haben einen hohen Aufwand und mehr als 100 Mitarbeitende.“ Die 115 Betten seien stets belegt und auf den Wartelisten stünden Interessenten aus ganz Deutschland. Auf die hohe Nachfrage und die stetig wachsende Zahl an Betroffenen wollen die Verantwortlichen reagieren. Noch seien sie in der konzeptionellen Planung, aber es gebe Überlegungen, „wo man noch mehr in die Breite gehen und mit unserem tollen Konzept noch mehr Menschen erreichen“ könne, sagt Thomas Fischer. Auch ambulante Reha-Medikationen wären eine Option. Dazu will er mehr Informationen und Erfahrungen weitergeben und Fortbildungen für Ärzte anbieten.

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