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Plötzlich fährt ein Baum durch Konstanz. Die Linde verlässt den Schulhof von Allmannsdorf

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Viele Kinder gucken neugierig durch den Bauzaun. Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass ein markanter Baum von ihrem Schulhof verschwindet, indem er samt Wurzeln ausgegraben und auf einem großen Gefährt durch die Luft transportiert wird. Genau das aber geschah jüngst an der Grundschule Allmannsdorf.

Die etwa 60 Jahre junge Linde muss ihren Standort wechseln, weil sie bei den anstehenden Bauarbeiten zur Erweiterung der Schule im Weg wäre. Da die Lehrerinnen und Lehrer wissen, dass die Kinder an dem Baum hängen, feiern sie vor der Ausgrabung gebührend Abschied. Eine Klasse malt den Baum ab, eine andere singt ein umgedichtetes Lied mit dem Titel „Nimm Abschied, Linde, du musst geh‘n“.

Dann wird es ernst. Eine große, orangefarbene Maschine mit einer runden Schaufel nähert sich dem Stamm, auf den jemand mit Kreide ein Herz und die Buchstaben GSA (Grundschule Allmannsdorf) gemalt hat. Die Schaufel teilt sich in zwei Teile und umschließt mit ihrem gezackten Maul den Stamm.

Die Zacken graben sich in die Erde, immer tiefer, bis sie verschwinden. Es knackt ein paarmal, Wurzeln werden durchtrennt, und nach nur wenigen Augenblicken schwebt die Linde samt Wurzelballen durch die Luft.

Zwölf Tonnen Gewicht werden durch den Himmel bewegt. Und in der Erde hinterlassen die gezackten Zähne ein großes Loch, es ist zwischen 1,50 und zwei Meter tief. Später wird es aufgefüllt, dort soll ein neuer Baum gepflanzt werden. Das soll ein kleineres Exemplar mit einem Stammumfang von 18 bis maximal 25 Zentimetern sein, weil kleinere Bäume schneller Wurzeln ausbilden.

Der Baum muss kräftig gestutzt werden

Als die Linde durch die Luft schwebt, jubeln die Kinder. Die orangefarbene Rundspatenmaschine samt Baum fährt zum Ende des Schulhofs, doch dann stockt die Aktion. Hier wird es eng, die Baumkrone passt nicht durch die schmale Gasse, die auf die Mainaustraße führt.

Ein Mast steht zusätzlich im Weg. „Die Baumkrone wird kräftig ausgelichtet, von etwa sieben Metern Durchmesser auf drei“, erläutert Simon Finkbeiner vom Amt für Stadtplanung und Umwelt.

Aber auch dann bleibt es Zentimeterarbeit, der Laster wird stückweise in Richtung Straße manövriert. Als er um die Ecke biegt, ertönen erneut Kinderlachen und Jubel. Grundschüler schauen aus den Fenstern und winken. „Tschüss, Baum!“, rufen sie der Linde zu, die einmal um ihre Schule herumgefahren wird, um in Sichtweite ihres alten Standorts wieder eingepflanzt zu werden.

In der Jungerhalde-Nord, zwischen Kinderhaus St. Georg und dem Pflegeheim, ist ein passendes Stück Grün. Das Loch ist schon vorbereitet. Vorsichtig lassen Bauleiter Herbert Porlein und seine Kollegen von der Großbaumverpflanzungsfirma Opitz aus der Nähe von Nürnberg die Linde in die Erde. Sie wird noch geradegerückt, dann ist sie angekommen.

„Auf der Wiese kann sie sich besser entfalten als auf dem Schulhof, wo Tausende Kinderfüße den Boden verdichten und die Wurzeln eher oberflächlich wachsen, weil der Boden so lehmig ist“, sagt Herbert Porlein. Auch die städtische Pressesprecherin Julia Lange freut sich: „Der Standort Jungerhalde ist wie ein Seniorenheim für die Linde, hier bekommt sie ein neues Leben geschenkt.“

Damit die gekappten Wurzeln sich gut erholen und Lust haben, in der neuen Umgebung anzuwachsen, gräbt ein kleiner Bagger noch einen kreisförmigen Kanal, der mit nahrhaftem Substrat aufgefüllt wird. Dann ist die Arbeit für Herbert Porlein und seine Firma erledigt. Der nächste Auftrag wird aber nicht lange auf sich warten lassen, denn eine spezielle Baumverpflanzungsmaschine in dieser Größe ist selten.

Die Maschine ist einzigartig in Europa

„Mit unserer größten Maschine sind wir allein in Europa“, sagt der Franke. Davon habe seine Firma zwei Stück, jede koste 1,2 Millionen Euro und sei patentiert. „Das ist eine spezielle Anfertigung“, erläutert Porlein. Auf einen niedrigen Laster aus Tschechien, der eigentlich militärischen Zwecken dient, werde ein selbst konstruierter Aufbau gesetzt. „So kommen wir noch unter den Brücken hindurch“, begründet der Bauleiter.

Die Allmannsdorfer Grundschüler und ihre Lehrerinnen und Lehrer freuen sich, dass sie den Baum auch künftig sehen können. Bald werden sie ihn am neuen Ort besuchen, das steht schon fest. Einiges über die Baumart Linde haben sie auch schon gelernt. Lebendiger könnte Sachunterricht nicht sein.

Umgestaltung des Schulhofs

Der Allmannsdorfer Schulhof soll im Zuge der Erweiterung neu gestaltet werden. Zuständig ist der Konstanzer Landschaftsarchitekt Carlos Stuckert. „Wir haben eine Umfrage unter den Kindern und dem Kollegium gemacht, was sie sich wünschen, und fangen jetzt mit den Vorplanungen an“, sagt er. Ein Problem des Schulhofs sind tiefe Pfützen, wenn es länger stark regnet.

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