Gespalten zwischen Fisch und Freiheit: Island unternimmt einen neuen Anlauf in Richtung EU
Kamil legt ein Stück Kabeljau in den Teig und lässt es ins heiße Öl gleiten. Der Fisch wurde nur wenige Stunden zuvor an den Stand „Frystihusid“ im Hafen von Reykjavik angeliefert, 40 Kilogramm, frisch vom Boot. Nun zischt das Filet im Fett. Draußen vor der kleinen Markthalle sitzen Touristen auf den einfachen Holzbänken und genießen den Ausblick, während sie auf ihre Fish and Chips warten, der „Bestseller“ hier, wie Koch Kamil sagt. Sonnenstrahlen drängen sich bei neun Grad durch die Schleierwolken, mehr Sommer als an diesem Mittag geht in Island kaum.
Im Hintergrund bilden die schneebedeckten Berge der Faxaflói-Bucht eine Panoramakulisse. Wenige Meter von den Urlaubern entfernt schaukelt an einem Kai die Venus NS 150, einer der größten isländischen Fischtrawler. Gegenüber hat die NRV Alliance angelegt, ein Forschungsschiff der Nato. Die Nachbarschaft ist Zufall, symbolisch wirkt sie trotzdem. Das eine Schiff steht für einen Wirtschaftszweig, der dem Land aufgrund seiner fischreichen Gewässer mit Makrelen, Kabeljau und Heringen Wohlstand brachte und tief im nationalen Selbstverständnis verankert ist. Das andere für eine Sicherheitsordnung, die für viele Isländer spätestens seit Russlands Angriff auf die Ukraine wichtiger geworden ist als je zuvor und mit Donald Trumps zweiter Amtszeit als US-Präsident noch mehr an Bedeutung gewonnen hat.
Wer Zugang zum Atlantik will, kommt an Island, dem Tor zur Arktis, nicht vorbei
Beide Seiten kämpfen nun für ihr Anliegen: Am 29. August sind die knapp 400.000 Bürgerinnen und Bürger des Inselstaats aufgerufen, darüber abzustimmen, ob die sozialliberale Regierungskoalition die seit 13 Jahren ausgesetzten Verhandlungen über einen Beitritt zur EU wieder aufnehmen soll. Es geht um einen Neustart der Gespräche, zumindest offiziell. Erst in einem zweiten Referendum würde es dann um die Mitgliedschaft gehen. Tatsächlich schwebt aber schon jetzt über allem die alte Frage, wie viel Unabhängigkeit sich ein kleines Land noch leisten kann und wie viel Souveränität es sich bewahren will. Die Antwort berührt fast alles, was Island ausmacht.
Auf der Internetseite der pro-europäischen Bewegung „Evrópuhreyfingin“ zählt eine digitale Uhr die Tage, Stunden, Minuten und Sekunden bis zur Abstimmung herunter. Snærós Sindradóttir und Páll Rafnar Thorsteinsson sitzen im Vorstand der Kampagne und an diesem späten Abend in einem Restaurant nahe der Betonkathedrale Hallgrímskirkja, dem Wahrzeichen der Hauptstadt. Arktischer Saibling, kanadischer Hummer, Rentier-Filet – schon die Speisekarte verrät die abgelegene Lage der Insel mitten im Nordatlantik. Der........
