Wohnungstausch baut Neubau vor. Diese Vorschläge gibt es gegen den Mangel an Wohnraum
Die Baukrise und der Wohnungsmangel sind in aller Munde. Zuletzt hat die Bundesregierung einen Bauturbo gezündet, um den Wohnungsbau zu beschleunigen. Doch selbst wenn die Genehmigungsverfahren kürzer werden, dürfte es noch dauern, bis eine spürbare Entlastung des Mietmarkts eintritt. Dass die Zeit indes drängt, dass auch in Markdorf allzu viele Menschen nach einer für sie bezahlbaren Wohnung suchen, wissen Renate Hold und Christin Jungblut aus ihren täglichen Begegnungen im Mehrgenerationenhaus (MGH). Gemeinsam mit dem Architekten Leon Beck haben sie zu einem Pressegespräch über mögliche Lösungen eingeladen.
Täglich fragen Menschen im MGH nach bezahlbaren Wohnungen
Das Mehrgenerationenhaus ist Begegnungsort für alle Bürger und eine Anlaufstelle für Menschen in besonderen Lebenssituationen, für Menschen, die in Schwierigkeiten stecken: weil sie ohne Arbeit sind, alleinerziehend oder in finanzielle Not geraten sind. Und gerade von ihnen hören Renate Hold und Christin Jungblut eine Frage beinahe täglich.
Es ist die Frage nach „einer bezahlbaren Wohnung“. Wie leer gefegt der Markt ist, das wurde Christin Jungblut jüngst beim Gespräch mit einer jungen Frau klar: „Die findet nichts, obwohl sie wirklich gut verdient.“ Doch sobald die Vermieter hörten, dass sie alleinerziehend ist, falle sie durchs Raster. „Ausgewählt werden Doppelverdiener, da sehen sich die Vermieter dann auf der sicheren Seite“, erklärt Renate Hold.
Wenn die Not am größten ist, lässt die Abhilfe auf sich warten
Architekt Leon Beck rechnet nicht mit rascher Abhilfe. „In Markdorf sollen zwar gleich drei neue Wohngebiete entstehen - Klosteröschle, Untere Öhmdwiesen, Schussenrieder-Hof-Gelände – auf denen dann insgesamt rund 1600 Wohneinheiten entstehen, fertig sind die aber erst in drei bis fünf Jahren“, schätzt Leon Beck.
Der Architekt und die beiden MGH-Leiterinnen zeigen sich frustriert über den Verlauf, der sich im Markdorfer Gemeinderat bei den Diskussionen über städtebauliche Entwicklung des Untere-Öhmdwiesen-Areals abzeichnet. „Es wird viel über das Für und Wider von Tiefgaragen und von Quartiersgaragen gesprochen“, beobachtet Leon Beck, „doch über die Gebäudestruktur oder die Zahl der Stockwerke wird kaum diskutiert.“
Anregung: Feste Quoten für geförderten Wohnungsbau
Hold und Jungblut befürchten, dass auf den Unteren Öhmdwiesen keine Wohnungen für finanziell schwächer Gestellte entstehen werden. Leon Beck regt an, dass die Stadt feste Quoten für den geförderten Wohnungsbau vorgibt. „Denkbar wäre auch die Zusammenarbeit mit einer gemeinwohlorientierten Baugenossenschaft“, sagt Renate Hold.
Grundsätzlich aber, so Beck, sei es aus seiner Sicht gar nicht nötig, in den Öhmdwiesen neu zu bauen. Viel sinnvoller sei es, auf den ungenutzten Flächen in der Innenstadt neue Gebäude zu errichten. Der große Vorteil solcher Nachverdichtung aus seiner Sicht: „Die Stadt spart sich dadurch Erschließungs- und Planungskosten.“ Kosten, die das Bauen und das Wohnen auf unerschlossenem Gelände nur noch teurer machen.
Wohnungstausch als eine oft verpasste Chance
Und noch eine weitere Rechnung stellt der Architekt auf: „Wenn es uns gelingt, die stillen Reserven in der Stadt zu nutzen, können wir uns ebenfalls hohe Kosten für zusätzlich zu schaffende Infrastruktur sparen.“ Mit „stillen Reserven“ sind die Leerstände gemeint. Wohnungen, die komplett ungenutzt sind – oder aber unterbelegt. Oftmals, so Renate Hold, belegen Einzelpersonen viel zu viel Wohnraum, „weil sie einfach keine kleinere Wohnung finden“.
In Deutschland ist der Mietwohnungstausch nicht gesetzlich geregelt. Das trägt dazu bei, dass verhältnismäßig viele Menschen nach Auszug ihrer Kinder in dann zu großen Wohnungen bleiben. Die Zahl der Single- und Paarhaushalte, die auf 80 und mehr als 100 Quadratmetern leben, geht in die Millionen. Fast die Hälfte aller Wohnungen ist laut Statistik flächenmäßig unterbelegt. Mancherorts gibt es zwar Tauschbörsen und Internetplattformen. Untersuchungen zeigen, dass viele Plattformen und Tauschprogramme recht kompliziert sind. Vertrauenswürdige Berater könnten da weiterhelfen.
Ein weiteres Problem nennt Christin Jungblut: „Es gibt viele ältere Menschen, die allein in einem großen Haus leben, aber nicht vermieten möchten, weil sie sich vor dem bürokratischen Aufwand fürchten.“ Hier könnte eine vertrauenswürdige Anlaufstelle helfen. Überhaupt tue Beratung gut - in allen Fragen des Wohnungstauschs oder der Umnutzung von Ein- zu Mehrfamilienhäusern.
Beck sieht hier die Stadt gefordert. „Eine Personalstelle fürs kommunale Wohnraummanagement könnte viel Leerstand beseitigen“, sagt er. Und ein Beitrag zur Wirtschaftsförderung wäre das obendrein. Denn der Wohnraummangel erschwere auch den lokalen Unternehmen die Suche nach Fachkräften.
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