Schaffen wir uns bald selbst ab?
Eine Urangst begleitet den Menschen seit Jahrtausenden: Er könnte sich aus Versehen selbst entmachten und abschaffen. Zurzeit trägt diese Gefahr den Namen „Künstliche Intelligenz“ und mutet an, als sei sie eben erst geboren. Doch das stimmt nicht. Denn Menschen, die den Anschein vermitteln, unsere Gattung und ihre Umwelt künstlich erschaffen zu können, hat es immer schon gegeben. Es hilft, sich diese Beispiele vor Augen zu führen, weil sie aktuelle Bedrohungen relativieren.
Im Jahr 1933 kommt es vor ausgesuchtem Publikum zur Vorab-Premiere des Hollywood-Films „King Kong und die weiße Frau“. Ein Riesenaffe steht auf einem Hochhaus, fängt Flugzeuge, als wären es Fliegen: Reihenweise geraten die Kinobesucher in Panik, manche fallen in Ohnmacht. Derart täuschend echt erscheint ihnen das Filmerlebnis, dass die Produzenten beschließen, besonders verstörende Szenen herauszuschneiden. Wer den Kinoklassiker heute im Internet anschaut, vermag es kaum zu glauben. Der vermeintliche Riesenaffe: eine harmlose Stoffpuppe. Die Flugzeuge: Spielzeug. Zum Schreien komisch.
Aber nicht so komisch wie die aus dem 18. Jahrhundert überlieferte künstliche Ente des französischen Erfinders Jacques de Vaucanson (1709-1782). Sie kann nicht nur schnattern, flattern und trinken. Sondern sogar ihren Darm entleeren!
Das Publikum seiner Zeit ist in heller Aufregung. Zumal der Ingenieur nachlegt und dem Tier einen künstlichen Menschen folgen lässt. Der Flötenspieler kann zwar nur zwölf Stücke vortragen. Aber doch: Bei so viel Anmut scheint der Schritt zum echten Menschen aus der Werkstatt zum Greifen nah. Vaucanson selbst glaubt daran, grübelt bis zu seinem Tod darüber nach, wie er das Blut zirkulieren lassen könnte.
Was solche Erfinder als Fortschritt anpreisen, ist für die Öffentlichkeit blanker Horror. Mary Shelley (1797-1851), britische Schriftstellerin, verarbeitet ihn in einem Roman. Ein Wissenschaftler namens Victor Frankenstein verliert darin die Kontrolle über ein von ihm erschaffenes Geschöpf, entscheidet sich zur Flucht. Als er ihm später wieder begegnet, zeigt sich: Das Wesen hat sich in der........
