Von Tätern, Opfern und stillen Helden am Tag der Demokratiegeschichte
Anlässlich des Tags der Demokratiegeschichte luden der Verband Deutsche Kriegsgräberfürsorge und die Singener Kriminalprävention mit dem Historiker Axel Huber zu einem virtuellen Rundgang durch Singen ein. Entlang bekannter Plätze und Orte der Stadt erinnerte Huber an das Leben von Menschen, die zu Tätern oder Opfern wurden.
Dies war auch als Mahnung an die heutige Generation gedacht, sich bewusst zu machen, wie fragil unsere Demokratie ist und wie schnell Menschlichkeit in Grausamkeit umschlagen kann. Der Tag der Demokratiegeschichte wird in diesem Jahr zum ersten Mal begangen. Der 18. März war der Tag der niedergeschlagenen Revolution von 1848 sowie der Tag der ersten freien Wahl zur Volkskammer der DDR im Jahr 1990.
Frieden ist nicht selbstverständlich
In seiner Begrüßung betonte der Singener Oberbürgermeister Bernd Häusler, dass es nicht selbstverständlich sei, bereits seit mehr als 80 Jahren in Frieden und Freiheit leben zu dürfen. Der Singener Ratssaal, Ort der Veranstaltung, wird dominiert durch das monumentale Wandbild „Krieg und Frieden“, das 1960 von Otto Dix geschaffen wurde.
Mit dem Kontrast zwischen der linken Bildhälfte, die Krieg und Not zeigt, und dem friedlichen Zusammenleben auf der rechten Bildseite spannte der OB den Bogen zu Axel Huber und seinen geschichtlichen Perspektiven.
Die Vergangenheit ruhen lassen?
Seit ein paar Jahren ist laut Umfragen die Mehrheit der Deutschen der Auffassung, dass unter der NS-Aufarbeitung ein Schlussstrich gezogen werden sollte. Axel Huber betonte vor seinen zeitgeschichtlichen Ausführungen, dass er dies auch vor dem Hintergrund, dass die politische Mitte bröckle und die extremen Ränder zunehmend Zulauf bekommen, für eine gefährliche Entwicklung halte.
Virtueller Rundgang führt zu vier Orten in der Stadt
Bahnhof: 1863 fand Singen mit seinem Bahnhof Anschluss an das internationale Zugnetz, große Betriebe siedelten sich hier an. In der NS-Zeit war der Bahnhof für viele Juden der Beginn einer Reise, die für die meisten mit dem Tod endete. Am 22. Oktober 1940 wurden Juden aus Konstanz und von der Höri von Singen aus in das südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert, von wo die noch Überlebenden später in das Vernichtungslager Auschwitz gebracht wurden. Am Bahnhof in Singen kamen aber auch Menschen an, die hofften, in der Schweiz dem NS-Regime zu entkommen. Luise Meier, eine gläubige Katholikin, ermöglichte 28 Verfolgten die Flucht in die Schweiz und wurde zusammen mit ihren Helfern im Mai 1944 festgenommen. Nach elf Monaten Haft in Singen wird sie vor Beginn ihres Prozesses von den französischen Truppen befreit. In der Gedenkstätte Yad Vashem wird ihr Wirken als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt. 1954 fuhren die deutschen Fußballweltmeister durch Singen. Tausende eilten zum Bahnhof, um ihnen zuzujubeln. Das Gefühl „wir sind wieder wer“ stellte sich ein. Ein Jahr später kamen die letzten Kriegsgefangenen aus Russland zurück und in den 60er-Jahren kamen mit den Italienern die ersten Migranten in das Wirtschaftswunderland.
Scheffelstraße 26: Die Familie Gutmann lebte seit Jahrzehnten in Singen, betrieb ein Geschäft für Damen- und Herrenmode in der Scheffelstraße und war in Vereinen und in der Feuerwehr aktiv. Mit der Machtübernahme der Nazis waren auch sie von den Pogromen gegenüber den Juden betroffen, und ein Großteil der Familie flüchtete 1939 nach Ecuador. Johanna Gutmann blieb in Deutschland und gebar im Frühjahr 1942 eine Tochter, Tana, deren Existenz erst durch die Recherchen Hubers bekannt wurde. Beide, Mutter und Tochter, wurden im Juli 1942 in den Gaskammern von Auschwitz ermordet.
Das Singener Krankenhaus wurde 1928 eröffnet. Seit 1934 war Albert Kempf als Gynäkologe im Krankenhaus angestellt. In Singen wurden 151 Zwangssterilisationen an vermeintlich erbkranken Frauen vorgenommen, wobei mindestens zwei Frauen verstarben. Kempf praktizierte nach dem Krieg in Singen weiter, weil er bei diesen Sterilisationen angeblich nur assistierte.
Das Café Hanser lädt seit 1934 zu Kaffee und Kuchen ein und steht mittlerweile unter Denkmalschutz. Eine gewisse Berühmtheit erlangte es im Frühjahr 1977, als dort zwei Terroristen der RAF frühstückten und von einer Passantin erkannt wurden. Nach einer Verfolgungsjagd wurden sie schließlich niedergeschossen.
Plakatausstellung „Wege zum Frieden“
Guido Wolf, Landesvorsitzender im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, betonte, dass die geschichtlichen Einordnungen eine Mahnung für unsere Verantwortung seien, das „Nie wieder“ auch zu leben. Er erinnerte an die Worte der jüngst verstorbenen Holocaustüberlebenden Margot Friedländer: „So hat es damals auch angefangen“. Im Anschluss wurde die Plakatausstellung „Wege zum Frieden“ gezeigt.
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