Heimisches Handwerk hält Tengen am Laufen: Dafür braucht es auch die Familie
„Sie liefern zuverlässig Qualität und sind mit Herz dabei“, so beschreibt der Tengener Bürgermeister Selcuk Gök die Tätigkeiten der Handwerksbetriebe mit vielen engagierten Beschäftigten in der Stadt und den dazu gehörenden weiteren acht Dörfern - für Gök auch ein enorm wichtiges wirtschaftliches Fundament, von dem auch die Infrastruktur mit maßgeblichen sozialen Einrichtungen, wie Schule und Kindergärten, profitieren. Wohl wissend: Besonders am Randen spülen Unternehmen des Handwerks einen Großteil der Gewerbesteuer in die städtische Kasse.
„Das Handwerk dominiert in Tengen und den Stadtteilen in einer Region, in der es kaum Industrieunternehmen gibt“, erklärt Gök. Die Zweigstelle der weltweit tätigen Firma Stihl mit der überwiegenden Produktion von Motorsägen und weiteren Geräten bietet etliche Arbeitsplätze in Wiechs am Randen. „Den Hauptsitz hat Stihl aber in Waiblingen. In diese Stadt fließt auch ein Großteil der Steuereinnahmen“, so der Bürgermeister. „Die Handwerksbetriebe helfen auch den vielen Vereinen, die für das gesellschaftliche Leben bei uns eine zentrale Bedeutung haben“, betont Gök.
Handwerk kann Industrie die Stirn bieten
Das Handwerk dominiert schon immer am Randen. Viele Kleinbetriebe haben sich im Laufe der Jahre verabschiedet. Auch weil Inhaber keine Nachfolge gefunden haben, oder weil Beschäftigte in Singener Industrieunternehmen lukrativeren Arbeitsplätzen den Vorzug gaben.
Dieses Problem kann Edwin Keller, Vorsitzender des Gewerbevereins, heute und schon seit vielen Jahren aber nicht mehr feststellen. „Wir halten durch eine gute Entlohnung mehr als mit. Zumal die Industrie seit Langem auch auf Arbeitskräfte von beauftragten Sub-Unternehmen mit eher niedriger Bezahlung setzt“, sagt Keller.
Das Nachfolge-Problem von Handwerksfirmen sei aber weiter akut, auch der Mangel an Fachkräften. „Uns setzen auch Preiserhöhungen, wie bei den enormen Energiekosten und einem höheren Arbeitsaufwand, ständig steigende Materialkosten und immer strengere bürokratische Vorgaben zu“, so Keller. Gleichwohl sieht er ein großes Potenzial. Viele Betriebe verzeichneten eine gute Auslastung durch gut gefüllte Eingänge in den Auftragsbüchern.
Heimische Betriebe kommen zum Zug
Bei den Ausschreibungen für Arbeiten von Behörden wie Städten und Gemeinden gebe es komplizierte Verfahren nach EU-Recht, die viele Betriebe daran hinderten, Angebote abzugeben. Das führe auch dazu, dass es mangels Eingaben kaum noch eine Auswahl gebe, verrät auch Bürgermeister Gök.
Positiv sei aber, dass das Vergaberecht geändert worden sei. „Statt bisher bis zu einem Betrag von 50.000 Euro, können wir für handwerkliche Arbeiten weit über diese Summe hinaus beauftragen. Dabei kommen vor allem heimische Betriebe zum Zuge, von denen wir wissen, was wir an Qualität und Zuverlässigkeit bekommen. Das wollen wir weiter fördern“, sagt Gök.
Über Aufträge in Tengen und Umgebung freuen sich auch Tobias Scheu und Vater Bruno, die in Wiechs am Randen gemeinsam eine Schreinerei führen. Auch als Stück Heimatliebe, möglichst mit wirtschaftlichem Erfolg. Schließlich arbeitet die ganze Familie, so die beiden Ehefrauen und die Schwestern von Tobias Scheu, im Unternehmen mit - ob im Büro oder bei anderen Arbeiten in der großen, vor Jahren erweiterten Werkstatt.
Tobias und Bruno Scheu sind auch durch Tätigkeiten in Vereinen stark mit dem Ort verwurzelt. Und eine wechselseitige Heimatliebe hilft dem Betrieb weiter auf die Sprünge.
Ein US-Doktor mit Heimatliebe
Der frühere Mitbürger Wolfgang Hofgärtner hat in Amerika als Arzt mehrere Doktortitel und als Leiter in einem medizinischen Unternehmen große Kompetenz erworben. Und Hofgärtner wolle das an seine Heimat und an die Menschen zurückgeben, erklärt Bruno Scheu.
Hofgärtners Vater Ludwig hatte in einem kleinen, bescheidenen Zimmerei- und Schreinerunternehmen durch seine Qualitätsarbeit vor allem in Wiechs viele Spuren in Häusern hinterlassen. Auch mit ein Grund, dass Sohn Wolfgang bei der exklusiven Einrichtung seines mehrgliedrigen Hauses in New Jersey, unterhalb von New York, auf die Wertarbeit und die Verbundenheit mit seinem Heimatort zurückgreift. Es geht ihm aber vor allem auch um Qualität. Deshalb kommen die Scheus und andere Betriebe, wie die Watterdinger Firma Ruf und Keller, mit speziell gefertigten hochwertigen Metall-Materialien und -Möbeln zum Zug.
Die Schreinerei Scheu ist ein weitaus kleineres Unternehmen. Der Tatendrang ist aber auch dort bei einem Vor-Ort-Termin deutlich spürbar. Die Familie scheut sich nicht - um im Wortspiel zu bleiben -, weitere große Herausforderungen anzugehen. Sie lässt sich dabei mit viel Zuversicht auch nicht durch längere Krankheiten und von einem Schicksal ausbremsen.
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