Von den Grenzen der ostdeutschen Opferselbsterzählung
Der Westen meiner DDR-Konditionierung war der Klassenfeind. Er bestand aus Arbeits- und Obdachlosen, Berufsverboten für aufrechte Kommunisten, revisionistischen Vertriebenenverbänden, dem anglo-amerikanischen Imperialismus und ganz allgemein dem faulenden Kapitalismus.
Der Westen meiner Vorstellung war ein Sehnsuchtsort. Er bestand aus der „Bravo“, die meine Großtante eingeschmuggelt hatte, dem Rauch der „Marlboro“, den meine westreisende Oma verbreitete, dem schwarz-weißen Rauschen der „Colt Seavers“-Folgen und den Häusern, die hinter der grauen Mauer in Berlin emporragten.
Der Westen, den ich ab 18 erlebte, war ein Abenteuer. Er bestand aus einem wilden Vorspiel von Friedensgebeten und Demonstrationen, und mündete in eine rauschhafte Abfolge von Premieren: erste Westreise, erste Wahl, erstes Westgeld. Fortan, so hieß es und so wollte ich es unbedingt glauben, sollten ewiglich Freiheit, Frieden und Demokratie herrschen, in einem vereinten Europa, in einer neuen Welt von Freihandel und Wohlstand. Das Ende der Geschichte.
Der Defätismus selbsterfüllender Prophezeiungen
Nun, gut 35 Jahre später, scheint wieder ein Ende erreicht. Die Reinkarnation aggressiver Imperien, begleitet von den apokalyptischen Reitern KI, Krieg und Klimawandel, vernichtet vorgebliche Gewissheiten. Jetzt singen wir alle dieselben Klagelieder, gerne auch in Kolumnen wie dieser, und gerne vor allem dann, wenn sie jenen Teil der Republik behandeln, der erst 1990 zum Westen gelangte, nur um sich jetzt womöglich wieder abzutrennen.
Kolumne Ganz Naher Osten Zuarbeit für einen Rechtsextremisten
Kolumne Ganz Naher Osten Die AfD auf dem Dorfe: Wo Juli Zeh irrt
Interview „Die Ostdeutschen werden mit der AfD eine Enttäuschung erleben“
„Das Ende der Demokratie in Ostdeutschland wird kommen“, schreibt zumindest Jana Hensel schon mal in ihrem neuen Buch. „Vielleicht ist es schon da.“ Passend zu dieser sportlichen Behauptung steht auf dem Cover: „Es war einmal ein Land.“
Das........
