menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Wenn Gier gut ist, sind die Gierigsten die Besten

9 32
08.02.2026

Binyamin Applebaum, »Die Stunde der Ökonomen« (im englischen Original von 2019)

Das wohl am gründlichsten missverstandene und missbrauchte Zitat in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaften stammt von Adam Smith, aus dessen berühmtesten Werk »Der Wohlstand der Nationen«. Es lautet: »Nicht von dem Wohlwollen des Fleischers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern von ihrer Bedachtnahme auf ihr eigenes Interesse. Wir wenden uns nicht an ihre Humanität, sondern an ihren Egoismus, und sprechen ihnen nie von unseren Bedürfnissen, sondern von ihren Vorteilen.«

Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist Kognitions­psychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort verantwortet er den Studiengang Digitale Kommunikation und mehrere Forschungsprojekte über digitale Öffentlichkeit und Desinformation. Vorher leitete er das Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE.

Die Freunde einer möglichst unbeschränkten Marktwirtschaft haben aus dieser zweifellos korrekten Beobachtung ein Dogma abgeleitet, das Smith selbst nie vertrat: Der Mensch sei im Kern ein Egoist. Alle Motivationen jenseits des Interesses an schrankenloser persönlicher Bereicherung, im Volksmund auch Gier genannt, seien im Grunde irrelevant.

»Wohlstand der Nationen« wird dieses Jahr 250 Jahre alt, es gibt viele Texte darüber. Manche handeln davon, wie falsch Smith gern verstanden wird. Etwa im britischen »Economist«, schon Ende 2025  : »Smith erkannte die Vorteile von Märkten, aber auch deren Kosten«, steht da unter der Überschrift »Das berühmteste Buch in den Wirtschaftswissenschaften ist weniger revolutionär, als Sie denken«.

Vor dem »Wohlstand der Nationen« hatte Smith ein Buch namens »Die Theorie der ethischen Gefühle« (1759) verfasst. Darin steht dieser Satz: »Wie egoistisch der Mensch auch immer sein mag, es gibt offensichtlich einige Prinzipien in seiner Natur, die ihn am Glück anderer interessieren … obwohl er daraus nichts anderes gewinnt als die Freude, es zu sehen.«

Smith ging davon aus, dass »ethische Gefühle« den Menschen vom Tier unterscheiden, doch da irrte er selbst: Selbst Schimpansen zeigen in Experimenten klar , dass sie........

© Spiegel Online