Erinnerungen, die unser Leben prägen: Kolumnist Christoph Rast über Momente im Bannfeld oder der Oltner Badi
Jeder Mensch erlebt Momente, die unvergesslich bleiben. Häufig sind solche Ereignisse mit bestimmten Orten verbunden.
Ein eindrückliches Erlebnis war die Einweihung des Bannfeld-Schulhauses. Das Bannfeld war erst wenige Wochen zuvor bezogen worden. Die Schulzimmer rochen nach frischer Farbe, alles war ultramodern, geräumig und hell. Unsere Eltern fanden zwar, etwas Einfacheres hätte genügt. Wir Erstklässler waren am 14. Juli 1957 unglaublich stolz auf unser neues Schulhaus. Ich erinnere mich an Lehrer Hess, den korpulenten Mann, der auf einer Bockleiter balancierte, während er den Schülerchor dirigierte.
Das damals brandneue Schulhaus Bannfeld im Jahr 1957.
Ein weniger erfreulicher, aber unvergesslicher Bannfeld-Moment war jener Tag, an dem wir auf den Einlass ins Schulhaus warteten. Hansjörg, Sohn des Abwarts, wusste, dass uns Schularzt Dr. Wyss besuchen würde. Er erzählte, dass uns der Arzt mit einer glühenden Nadel stechen würde. Tatsächlich sass Dr. Wyss am Lehrerpult und impfte uns in den Oberarm. Um zu sparen, wurde die Spritze jeweils über einer Flamme desinfiziert. Das sorgte für grosse Panik – dass die Nadel dabei immer stumpfer wurde, interessierte niemanden.
Auch der Zahnwechsel vom Milchgebiss zu den bleibenden Zähnen bleibt unvergesslich. Mit Nähfäden wurden die wackligen Milchzähne entfernt oder man lutschte so lange daran, bis sie sich aus den blutenden Löchern lösten. Damit verbunden sind auch die Erinnerungen an die Besuche in der Oltner Schulzahnklinik im Frohheim-Schulhaus. Der Gang in die «Rossmetzg» war stets von Angst begleitet. Es hiess, Frau Dr. Heinz reisse Zähne ohne Betäubung aus und bohre ohne Spritze. Das stimmte zwar nicht, doch das Gerücht hielt sich hartnäckig. Noch heute melden sich ungute Gefühle, wenn ich mich in der Nähe des Schulhauses befinde.
Ebenso lassen mich Jugenderlebnisse in der Oltner Badi erschauern. An kühlen Sommermorgen betrug die Wassertemperatur oft nur 15 Grad. Zuerst mussten wir «Tellerli» tauchen, um unsere Schwimmkenntnisse zu beweisen. Glücklicherweise gelang mir das, denn Nichtschwimmer mussten sich einen breiten, feuchten Korkgürtel um den Oberkörper binden. Der Lehrer liess sie an einem Holzstock mit Haken mehrere Längen im kalten Wasser zurücklegen – unerbittlich, bis sie eine Bassinlänge ohne Hilfe schafften.
Die Badi im Jahr 1960.
Der Tag der Bezirksschulprüfung war ein weiterer Meilenstein. Monatelang bereiteten wir uns vor: rechnen, schreiben. Prüfungen aus verschiedenen Ortschaften der Schweiz dienten als Übungsmaterial. «Heute lösen wir die Aufgaben von Chur», verkündete der Lehrer. Im Schulzimmer herrschte absolute Stille. Die Auswertungen zeigten, mit welchen Erfolgsaussichten man am entscheidenden Tag rechnen durfte. Eine Woche nach der Prüfung im Frohheim gab Lehrer Baumgartner vor der Turnstunde in der Garderobe bekannt, wer es geschafft hatte. Bei den einen grosse Freude, bei den anderen bittere Enttäuschung.
1963 erlebten wir auch in Olten eine Aaregefrörni. Der lange, frostige Winter liess Flüsse und Seen zufrieren. Mutige wagten sich aufs dünne Eis, obwohl es verboten war. Ein Feuerwehrmann näherte sich auf einer Leiter, die er übers Eis geschoben hatte, einem festgefrorenen Schwan. Zahlreiche Zuschauer verfolgten das Spektakel – bis der Schwan plötzlich die Flügel ausbreitete und davonflog.
Ein weiteres prägendes Ereignis im selben Jahr ereignete sich am 22. November in den USA. Am Abend klingelte bei uns das Telefon. Meine Mutter ging ran und kam erschüttert in die Stube: «Kennedy ist erschossen worden!» Der Schock war gross. Wir eilten zu den Nachbarn, den Einzigen in der Strasse, die einen Fernseher besassen. Bis spät in die Nacht verfolgten wir die Berichte und lauschten gleichzeitig Heiner Gautschi am Radio. Am nächsten Tag war das Attentat das beherrschende Thema – ganz Olten trauerte.
So unterschiedlich diese Erinnerungen auch sind – sie alle haben Spuren hinterlassen und zeigen, wie eng persönliche Erlebnisse und weltgeschichtliche Ereignisse miteinander verwoben sind und unser Leben nachhaltig prägen.
Christoph Rast ist ehemaliger Stadtbibliothekar von Olten.
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