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Europas Entscheidung über die Zukunft der Ukraine

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23.02.2026

Vier Jahre Ukraine-Krieg: Europas Entscheidung über die Zukunft

Europas Entscheidung über die Zukunft der Ukraine

Seit vier Jahren wehrt sich die Ukraine gegen den russischen Angriff. Ob sie sich weiterhin behaupten kann, hängt nach dem Ausfall der USA an Europa – das ein Interesse daran haben muss. Denn der Ausgang dieses Krieges bestimmt auch die Sicherheitsordnung Europas.

Als der russische Präsident Wladimir Putin vor vier Jahren den Befehl zum Einmarsch in die Ukraine gab, dürfte er auf einen zügigen Sieg gebaut haben. Auch in europäischen Hauptstädten wurde eine schnelle Niederlage der Ukraine befürchtet. Weder der Kremlchef noch westliche Staaten rechneten damit, wie erbittert die Menschen Widerstand gegen die übermächtigen russischen Streitkräfte leisten würden. Putin gibt sich weiterhin demonstrativ siegessicher, doch Russland steht nicht so gut da, wie er glauben machen möchte – und die Ukraine nicht so schlecht, wie nach dem weitgehenden Ausfall der USA befürchtet wurde.

Seit Donald Trumps Amtsantritt ist ungewiss, ob die Vereinigten Staaten noch ein Partner Europas sind oder ob die Sympathien des unberechenbaren Präsidenten dem Autokraten Putin gelten. Trump hat die finanzielle Militärhilfe für die Ukraine eingestellt. Europa ist es aber gelungen, den Wegfall zu kompensieren. Heute ist Deutschland – nicht mehr die USA – das wichtigste Unterstützerland.

Das ist ein starkes Signal für eine Emanzipation Europas, das auf andere Bereiche abstrahlen sollte. Die Botschaft: Die Abhängigkeit von den USA kann zumindest verringert werden, auch wenn das einen Kraftakt erfordert.

Von einer vollständigen Unabhängigkeit der Ukraine von den USA und damit von Trumps Launen kann allerdings keine Rede sein. Weiterhin ist die Armee auf US-Geheimdienstinformationen angewiesen. Von zentraler Bedeutung an der Front bleibt das Starlink-Satellitensystem des Trump-Unterstützers Elon Musk. Die USA liefern zudem weiter Waffen, auch wenn sie sich diese jetzt von den Europäern bezahlen lassen. Trump bleibt also ein entscheidender Machtfaktor.

Die Überbringer der Todesnachrichten: Wenn der Krieg an der Haustür klopft

Sie überbringen Familien die schlimmste Nachricht ihres Lebens. Mehrmals pro Woche stehen Wolodymyr, Iryna und Ljudmyla in der Ukraine vor fremden Türen und sagen Worte, die niemand hören will. Wenn sie kommen, zerbricht eine Welt. Und immer auch ein Stück von ihnen selbst.

Deswegen hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj keine andere Wahl, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, wenn Trump den Druck auf ihn erhöht. Dabei ist es bislang Putin, der sich bei den Bemühungen um einen Frieden keinen Millimeter bewegt. Er fordert von der Ukraine, Gebiete im rohstoffreichen Donbass und in anderen Regionen kampflos abzugeben. Es ist der Versuch, sich Landstriche einzuverleiben, an deren militärischer Eroberung seine Streitkräfte seit vier Jahren scheitern.

Viele Tote, kaum Gewinne

Zwar rücken die russischen Truppen vor – aber extrem langsam und mit dramatischen Verlusten. Daten zeigen, „dass Russland für minimale Geländegewinne einen außergewöhnlich hohen Preis zahlt und sich als Großmacht im Niedergang befindet“, heißt es in einer Studie des „Center for Strategic & International Studies“ aus dem vergangenen Monat. Nach Analysen der unabhängigen US-Denkfabrik haben die russischen Streitkräfte seit dem Einmarsch rund 1,2 Millionen Verluste (Tote, Verwundete und Vermisste) verzeichnet – ungefähr zwei bis zweieinhalb Mal so viele wie die Ukraine und „mehr als jede andere Großmacht in irgendeinem Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg“.

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Putin setzt darauf, dass die Kriegsmüdigkeit in Europa weiter steigt und den Unterstützern der Ukraine der Atem ausgeht. Bereits gelungen ist ihm, einen Keil zwischen die USA und Europa zu treiben. Umso wichtiger ist es nun, dass die Europäer zusammenstehen. Mit an ihnen liegt es, ob die Ukraine sich in diesem existenziellen Krieg behaupten kann, der über die Zukunft des Kontinents entscheiden könnte.

Die Ukrainerinnen und Ukrainer halten den Angriffen seit vier Jahren entgegen allen Erwartungen stand. Frontsoldaten berichten, natürlich seien sie erschöpft. Sie würden aber niemals aufgeben. Europas Verantwortung ist es, sie zu befähigen, ihren Kampf weiterzuführen – bis Putin der Preis für diesen Krieg endlich zu hoch wird.


© Solinger Tageblatt