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Was wäre, wenn Russland den Krieg gewinnen würde?

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14.02.2026

Mittwochnachmittag im EU-Parlament in Straßburg, Harald Vilimsky ist aufgebracht. „90 Milliarden für den Krieg sind 90 Milliarden gegen unsere Bürger!“, empört sich der Delegationsleiter der FPÖ in einer Presseaussendung. Zuvor hatten die Abgeordneten mehrheitlich für ein neues Darlehen an die Ukraine gestimmt. Von den insgesamt 90 Milliarden Euro sind 60 für Verteidigungsausgaben vorgesehen. Die FPÖ-Abgeordneten im EU-Parlament votierten geschlossen (eine Abgeordnete nahm nicht teil) gegen den Kredit für Kyiv, Vilimsky sieht in der Finanzierung ein „fatales Signal für weitere Eskalation statt echter Friedensbemühungen“.

Geht es nach der FPÖ und ihrer rechtspopulistischen bis rechtsextremen Freunde im Europäischen Parlament, sollte die EU Kyiv gar nicht mehr unterstützen. Würden sie ihre Forderungen durchsetzen, könnte die Ukraine ihre Soldaten nicht bezahlen, von Russland bombardierte Infrastruktur nicht reparieren, die Gesundheitsversorgung nicht aufrechterhalten. Der Staat würde in den Bankrott rutschen und könnte sich nicht mehr gegen die Angriffe verteidigen. Russland würde den Krieg gewinnen.

Das Institut für Risikoanalyse „Corisk“ hat gemeinsam mit dem „Norwegian Institute of International Affairs“ berechnet, was ein Sieg Russlands Europa kosten würde. In aller Kürze: Im Vergleich mit den Ausgaben, die in diesem Fall auf uns zukommen würden, sind die aktuellen Unterstützungsleistungen für die Ukraine peanuts.

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In ihren Berechnungen gehen die skandinavischen Experten von einem kompletten oder teilweisen Sieg Moskaus in der Ukraine aus: Russland nimmt weite Teile des Landes ein, bricht den Widerstand der Bevölkerung und gewinnt Einfluss auf die strategische Ausrichtung der Ukraine. In diesem Szenario steigen die Kosten für Europa im ersten Jahr auf bis zu 463 Milliarden Euro, für einen Zeitraum von vier Jahren werden 1205 bis 1633 Milliarden Euro berechnet. Inkludiert sind dabei erhöhte Militärausgaben, Flüchtlingsströme und der Verlust von Handels- und Investitionsmöglichkeiten in der Ukraine.

Die Kosten für die Verteidigung Europas würden explodieren, weil Europa nach einem Sieg Russlands in der Ukraine seine Grenzen im Osten verstärkt schützen müsste. Moskau könnte nachrüsten und innerhalb von wenigen Jahren eine reale Gefahr für die baltischen Länder sowie für Finnland, Norwegen und Polen darstellen. Für die Verteidigung der Nord- und Ostflanke kommen die Experten auf 88 Milliarden Euro – im ersten Jahr. Und bei einer Verdoppelung der Flüchtlinge aus der Ukraine rechnen die Experten mit Kosten von 150 bis 275 Milliarden Euro jährlich.

Eine Niederlage Kyivs wäre also auch für den Rest Europas eine Katastrophe – nicht zuletzt finanziell.

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Die Summen, die Europa an Kyiv überweist, sind schon jetzt gigantisch. Die EU und Länder wie das Vereinigte Königreich und Norwegen schultern einen Großteil der Last. Unter Präsident Donald Trump haben die USA ihre Finanzhilfen für die Ukraine fast vollständig eingestellt, seither muss Europa noch mehr stemmen. Mehr als 60 Milliarden Euro waren es allein im vergangenen Jahr.

Doch wenn Russland den Krieg gewinnt, wäre der Preis noch viel höher. Umso seltsamer liest sich Vilimskys eigenartige Formulierung vom „Kriegs- und Milliarden-Wahnsinn“, der die „wirtschaftliche Stabilität“ der EU aufs Spiel setzen würde. Das klingt, als wäre alles vorbei und endlich wieder Ruhe, wenn Europa nur aufhörte, Geld in die Ukraine zu schicken.

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Als wäre Kyiv der Feind Europas und nicht Moskau. „Europa muss wieder zur Stimme der Diplomatie werden“, schreibt Vilimsky und fordert „diplomatische Initiativen“ statt „ständig neue Milliarden für Waffen“. Mit der Realität hat das wenig zu tun. Würde die Unterstützung für die Ukraine über Nacht gekappt, stünden Russland alle Wege offen. Verhandlungen wären obsolet, denn Putin könnte dann allein darüber entscheiden, wie weit er seine Truppen vorrücken lässt.

Russlands Präsident freut sich bestimmt über die Unterstützung durch die Patrioten im EU-Parlament. Für die Bürgerinnen und Bürger Europas stellt sich die Frage, wie teuer sie ein Sieg Russlands zu stehen käme.


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