Intrigen am Küniglberg
Was sich dieser Tage am Küniglberg abspielt, ist „House of Cards“ für ganz Arme – eine lupenreine Intrige mit durchaus ernstem Substrat. ORF-Generaldirektor Roland Weißmann ist am Sonntag wegen Vorwürfen sexueller Belästigung zurückgetreten. Eine Mitarbeiterin, mit der er ein Naheverhältnis gehabt haben soll, fühlte sich vier Jahre später schlecht behandelt und wandte sich gegen Weißmann – mit dem Ziel, seinen Rücktritt zu erwirken. Sie tat das mit freundlicher Unterstützung ihres Vorgesetzten Pius Strobl, mit dem sie sich sehr gut verstehen dürfte. Und der wiederum zufällig ein erklärter Erzfeind Weißmanns ist, seit dieser ihm – völlig zu Recht – Privilegien abgedreht hat, die ihm der vorige Generaldirektor, Alexander Wrabetz (SPÖ-nahe), zugestanden hatte.
Der ORF-Stiftungsrat reagierte in Panik. Weißmanns Rücktritt wurde nicht nur akzeptiert, sondern praktisch erzwungen. Der Vorsitzende des Gremiums lieferte anschließend auch noch ein Interview, das in seiner Peinlichkeit und Unprofessionalität bemerkenswert war – und den ORF am Ende teuer zu stehen kommen könnte. Denn eines ist bisher klar: Nichts ist geklärt. Wenn man Weißmann loswerden will, wird man sich mit ihm einigen müssen – und nicht die Situation so eskalieren, dass das Gegenüber ausreichend Munition bekommt, um sich juristisch zu wehren. Weißmann bestreitet alle Vorwürfe.
Steilvorlage für die FPÖ
Die FPÖ springt allzu gern auf das Thema auf. Der blaue Stiftungsrat Peter Westenthaler hyperventiliert bereits öffentlich – die Affäre ist eine Steilvorlage für seinen Plan, den ORF zu zerschlagen. Dabei weiß auch er genau, dass die eigene Fraktion im ORF nicht frei von Fehlverhalten ist. Vor der eigenen Tür zu kehren wäre also angebracht. Vieles wird derzeit aus medienrechtlichen Gründen unter der Decke gehalten. Wenn die Blauen zu laut werden, könnte das rasch eine Büchse der Pandora öffnen.
Freilich geht es in der Aufarbeitung der Affäre rund um Roland Weißmann mitnichten um die Rechte von Frauen im ORF. Die waren den superpotenten Männern an der Spitze des Hauses nämlich noch nie besonders wichtig. Im Gegenteil: Sexualisierung von Frauen hat im ORF Tradition. Es gab immer wieder – ausschließlich männliche – Führungskräfte, die Beziehungen und Pantscherl mit ihnen untergebenen Frauen haben und hatten. Manche Frauen bekamen bemerkenswert gute Jobs, die sie sonst wohl kaum erhalten hätten.
Oder, erinnern wir uns an den Fall des ORF-3-Chefs: Etliche MitarbeiterInnen haben von Mobbing, verbale Entgleisungen, Drohungen, rassistischen, sexistischen und homophoben Aussagen berichtet. Ein Bericht wurde erstellt, der bis heute unter Verschluss liegt. Konsequenzen? Nachschulungen und zusätzliche Kontrolle – bei gleichem Gehalt. Wow. Hat ihn bestimmt beeindruckt.
Benachteiligungen bei Posten, herablassende Kommentare, sexuelle Belästigung. Laut einer Umfrage des Zentralbetriebsrats geben 32 Prozent der Mitarbeiterinnen an, sexuelle Belästigung erlebt zu haben. 29 Prozent berichten von entwürdigenden Bemerkungen durch Vorgesetzte. Das ist ein sattes Drittel.
Und jetzt sollen plötzlich genau jene Herren, die dieses System jahrelang toleriert oder mitgestaltet haben, Sorge um die Rechte von Frauen im ORF haben? Herzig. Es geht ihnen, worum es ihnen immer gegangen ist: Macht. Die Wahl des ORF-Generaldirektors steht an und dieser Posten ist mehr als ein Topjob – er ist pure Politik. Der aussichtsreiche Kandidat wurde gerade ausgeschaltet.
Lasst die Kollegen endlich in Ruhe arbeiten!
Der ORF gehört reformiert. Aber sicher nicht so, wie sich das die FPÖ vorstellt, indem man die Berichterstattung zerschlägt. Im Gegenteil: Der Journalismus im Haus gehört gestärkt – und von politischen Machtkämpfen befreit. Die vielen integren JournalistInnen im ORF können nichts dafür, dass sich an der Spitze ein elitärer Männerzirkel aufführt, als stünde er über allen Regeln. Wo im parteipolitisch besetzten Kontrollorgan Stiftungsrat Personen sitzen, die gleichzeitig im oder rund um den ORF arbeiten, Aufträge erhalten – offiziell wie inoffiziell. Wer über die Zukunft eines Unternehmens mitentscheidet, sollte nicht gleichzeitig von dessen Budgets und Prestige leben.
Solange Parteien den ORF vor allem als Einflusszone betrachten, werden Intrigen und Postenschacher am Küniglberg weitergehen. Die eigentliche Reformfrage lautet daher, ob die Politik endlich bereit ist, die Finger davon zu lassen. Wohl eher nicht.
