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»Ich wurde von Idioten entführt«

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12. März 2026 – 23. Adar 5786

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»Ich wurde von Idioten entführt«

903 Tage lang war die russisch-israelische Wissenschaftlerin Elizabeth Tsurkov als Geisel in der Gewalt pro-iranischer Terroristen. Dies ist ihre persönliche Feldstudie zur Brutalität autoritärer Regime

Vier Männer suchten in meinem Mund nach implantierten Ortungsgeräten. Ich hatte ihnen gesagt, dass ich keine hätte und dass solche Dinge meines Wissens nur in Filmen existierten. Dann fragten sie mich, ob ich Füllungen hätte. Aber auch das glaubten sie mir nicht. Sie schauten noch einmal nach. »Nein, haben Sie keine«, korrigierte mich einer der Männer. Er hatte nichts Silbernes gesehen. Meine Füllungen sind weiß. Die Männer, die dunkle Zivilkleidung und Sturmhauben trugen, schienen überzeugt zu sein, dass solche ihnen unbekannten Füllungen eine Gefahr für ihre Sicherheit darstellten. Da wurde mir klar, dass meine Entführung eine besondere Wendung nehmen würde.Am 21. März 2023 wurde ich gewaltsam aus einem Vorort von Bagdad entführt, wo ich für meine Doktorarbeit an der Princeton University Feldforschung betreiben wollte. Als meine Entführer mich in eine Zelle brachten, schnitten sie die Fesseln durch, die mir in Arme und Beine schnürten, und sie nahmen mir den Stoffbeutel vom Kopf. Das geheime Gefängnis, in das sie mich brachten, wurde von Kataib Hisbollah betrieben, einer irakischen Miliz, die vom Iran unterstützt wird.

Ich wurde entführt, um Lösegeld zu erpressen

So verlief mein erster Tag in Gefangenschaft. Es sollten 902 weitere folgen. Die ersten viereinhalb Monate verbrachte ich in einem Gefängnis, in dem normalerweise die irakischen Gefangenen der Miliz festgehalten werden. Wie ich später erfuhr, arbeiteten die Milizionäre für eine der irakischen Sicherheitsbehörden, von denen wiederum viele stark von pro-iranischen paramilitärischen Gruppen unterwandert sind. Trotzdem geschah meine Entführung aus rein opportunistischen Gründen. Ich wurde entführt, um Lösegeld zu erpressen, und nicht aus politischen Gründen.Seit fast zwei Jahrzehnten forsche ich im Auftrag von Thinktanks in der Levante und war bereits in der gesamten Region unterwegs. Meine Entführer wussten, dass ich russische Staatsbürgerin und mit einer amerikanischen Universität verbunden bin. Deshalb sahen sie mich als lukratives Ziel für eine Entführung und anschließende Lösegeldforderung. Was sie nicht wussten – und was ich ihnen auch nicht preisgeben wollte –, war, dass ich zwar in Russland geboren bin, aber auch die israelische Staatsangehörigkeit besitze.Die Entführung selbst war äußerst gewalttätig, aber im ersten Monat meiner Geiselhaft wurde ich nicht körperlich misshandelt. Allerdings bekam ich nur sehr wenig zu essen. Meistens waren es ein oder zwei Mahlzeiten am Tag, Reis und Brot. Wie ich erst später verstand, sollte mich das für die Verhöre gefügig machen.

Er versuchte es mit der »Good cop – bad cop«-Masche. Nur dass er beide Rollen selbst spielte.

Er versuchte es mit der »Good cop – bad cop«-Masche. Nur dass er beide Rollen selbst spielte.

Die leitete ein Anführer, der sich als Maher vorstellte. Er trug die ganze Zeit eine Sturmhaube, damit ich ihn nicht identifizieren konnte. Die Vorstellung, dass eine Russin für wissenschaftliche Forschungszwecke in den Irak kommt, war für Maher und seine Kollegen völlig abwegig. Sie waren der Meinung, dass ich als Russin nur über Russland forschen könne. Maher versprach mir, mein »größter Fürsprecher« zu werden, wenn ich nachweisen könne, dass ausländische Forscher auch Feldforschung in Russland betreiben. Als ich begann, einige Beispiele aufzuzählen, sah er ziemlich niedergeschlagen aus. Er wurde nicht mein größter Fürsprecher.Mein Problem war, dass meine Verhöre auf der Annahme meiner Entführer basierten, dass unzählige ausländische Spione den Irak durchkämmen, und dass sie annahmen, alle Ausländer im Irak seien Spione. Einmal fragte Maher mich, ob das Gebäude in einem gut geschützten Viertel Bagdads, in dem ich kurzzeitig untergekommen war, komplett von Spionen bewohnt sei. Ich hatte natürlich Schwierigkeiten zu beweisen, dass ich unter den Ausländern eine der wenigen war, die nicht als Spion tätig war. Doch zusätzlich hatte ich es noch mit Inkompetenz bei den Verhören zu tun. Einer der Männer machte sich nicht einmal die Mühe, mir einen falschen Namen zu nennen. Ich werde ihn hier wegen seiner ständigen Berührungen und seiner vulgären Sprache den »kleinen Perversling« nennen. Dieser kleine Perversling behauptete, seine Organisation besitze Aufzeichnungen und Fotos, die meine Spionagetätigkeit belegen würden. Als ich ihn aber darum bat, mir die Beweise vorzulegen, weigerte er sich strikt.

Elizabeth Tsurkov ist frei

Elizabeth Tsurkov war im März 2023 von einer pro-iranischen Terrormiliz gekidnappt worden

Wurde Elisabeth Tsurkov gegen einen Hisbollah-Offizier ausgetauscht?

Die aus dem Irak freigekommene israelische Forscherin leide unter Schmerzen und wird im Krankenhaus Sheba behandelt

In den Verhören wurde mir immer wieder mit Folter gedroht. Aber in den ersten Wochen hielten sich meine Entführer mit der Umsetzung dieser Drohungen zurück. Vermutlich geschah das auf Anweisung von oben. Da sie offensichtlich nicht darin geschult waren, Verhöre ohne Folter durchzuführen, griffen sie auf Verhörmethoden zurück, die sie wohl aus Filmen kannten. Um mich einzuschüchtern, blies Maher mir Rauch ins Gesicht. Da er eine E-Zigarette benutzte, bekam ich eine Wolke aus Erdbeerdampf ab. Zu einem harten Kerl passte das nicht wirklich. Später versuchte Maher es mit der »Good cop – bad cop«-Masche. Er untergrub aber die Wirkung, indem er beide Rollen selbst spielte – jeden zweiten Tag eine andere, was ihn völlig irre erscheinen ließ.Die komischen Aspekte traten in den Hintergrund, als die Entführer einen Monat nach meiner Gefangennahme mein Telefon knackten, indem sie mich zwangen, ihnen mein Passwort zu geben. Sie entdeckten, dass ich Israelin war. Jetzt drängten sie mich nicht mehr nur zuzugeben, dass ich eine Spionin sei. Jetzt konnten sie mich foltern, damit ich es zugab.

Humor ist eine Waffe, die auch die Schwächsten einsetzen können.

Humor ist eine Waffe, die auch die Schwächsten einsetzen können.

Autoritäre Regime – und die Milizen und Einrichtungen, die sie stützen – sind darauf angewiesen, ihren Untertanen Angst einzuflößen. Sie herrschen, indem sie durch Terror Zustimmung und Gehorsam erzwingen. Das wusste ich nicht nur aufgrund meiner wissenschaftlichen Recherchen, sondern auch aus meiner Jugend. Ich wurde Ende 1986 in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, geboren. Es waren die letzten Jahre der Sowjetunion.Meine Eltern waren beide Dissidenten. Mein Vater musste sieben Jahre im Gefängnis und weitere zwei Jahre als Zwangsarbeiter in Sibirien verbringen, weil er Flugblätter aus demokratisch-marxistischer Sicht gegen das Regime verfasst hatte. Meine Mutter wiederum wurde zu drei Jahren Haft in einem sibirischen Gefängnis verurteilt, nachdem der KGB ihre Wohnung durchsucht und dort eine umfangreiche Sammlung antisowjetischer Witze gefunden hatte, die sie während ihrer Treffen mit regimekritischen Freunden fleißig gesammelt hatte. Es war die Zeit der Samisdat-Literatur, in der Regimekritiker Lesestoff – Essays, Polemiken, Nachrichten – abtippten und kopierten, weil eine Veröffentlichung unmöglich war.Ein typischer Witz aus der Sammlung meiner Mutter ging wie folgt: »Ein Richter kommt lachend aus einem sowjetischen Gerichtssaal. Der Staatsanwalt fragt ihn: ›Warum lachen Sie?‹ Der Richter antwortet: ›Ich würde es Ihnen sagen, aber ich habe gerade jemanden zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, weil er diesen Witz erzählt hat.‹«

Repressive Regime fürchten sich vor Spott

In meiner eigenen Gefangenschaft erkannte ich, was viele Dissidenten, darunter auch meine Mutter, schon lange vor mir erkannt hatten: Humor ist eine Waffe, die auch die Schwächsten einsetzen können, um herrschende Autoritäten zu untergraben, ihre terrorisierende Wirkung zu brechen und so die eigene Moral zu stärken. Denn repressive Regime fürchten sich davor, verspottet zu werden. Sie hassen es, wenn ihre Inkompetenz und Ignoranz in aller Öffentlichkeit entblößt werden. Deshalb bestrafen sie die Verbreitung politischer Witze.

Als ich einmal in meiner Zelle sang, um mich bei Laune zu halten, befahl mir ein Folterer namens Yasser – ein korpulenter Mann, der sich selbst den Rang eines Majors verliehen hatte –, leiser zu sein. »Lautstärke runter!«, rief er. Dann fragte er auf Arabisch, ob sein Englisch korrekt sei. Er wirkte sehr zufrieden mit sich selbst, als ich ihm mitteilte, dass dies der Fall sei. Sein Bedürfnis nach Bestätigung durch Dritte war dermaßen erbärmlich, dass es unter anderen Umständen fast schon rührend gewesen wäre. Noch erbärmlicher war es, als Maher, der zunächst behauptet hatte, ein Hauptmann zu sein, feststellte, dass Yassers imaginärer Rang über dem seinen lag. Das führte dann dazu, dass er umgehend darauf bestand, dass ich ihn als »Major Maher« anzusprechen hätte.Während meiner Zeit in Einzelhaft in der Folteranstalt spielte ich gelegentlich die Verhörszenen in meinem Kopf noch einmal durch. Nicht, um die Qualen noch einmal zu durchleben, sondern um meine Stimmung aufzuhellen. Ich wollte mir selbst bewusst machen, wie unwissend und dumm meine Peiniger waren. Diese vermeintlichen Geheimdienstagenten wussten sehr wenig über ihre Feinde, Israel und die Vereinigten Staaten. Einer der Folterknechte, ein Kettenraucher, der nur zweimal dabei war, behauptete, dass 60 Prozent der Amerikaner in Armut leben und die USA daran arbeiten würden, irakische Mädchen dazu zu verleiten, ihren Vätern gegenüber ungehorsam zu sein und sogar ohne deren Erlaubnis das Haus zu verlassen.

Fast grenzenloses Wissen über Folter­methoden

Innerlich über sie zu lachen, machte meine Situation etwas erträglicher, es machte sie weniger beängstigend. Doch die mangelnde Professionalität meiner Entführer in Bezug auf geheimdienstliche Methoden stand im Gegensatz zu ihrem fast grenzenlosen Wissen über Folter­methoden. Es war eine Expertise, die sie vermutlich dadurch gewonnen hatten, dass sie unzähligen Irakern Grausamkeiten angetan hatten. Sie wussten genau, wie sie mir ins Gesicht schlagen konnten, ohne äußere Spuren zu hinterlassen: Sie schlugen mir von unten auf den Kiefer. Maher sprach ausführlich über die verschiedenen Foltermethoden, die bei mir Anwendung fanden. Er quantifizierte genauestens die Schmerzen, die die jeweilige Methode verursachte. Maher konnte auch nur durch eine kurze Berührung feststellen, ob meine Schulter ausgerenkt war.In meiner Gegenwart prahlte er gegenüber einem Kollegen, dass andere Agenten mich doch bloß mit hinter dem Rücken gefesselten Händen an der Decke aufhängen und dann auf meine Knie schlagen würden, damit ich mein Gewicht nicht stützen und so den Druck auf meine Schultergelenke und meine Wirbelsäule verringern könnte. Er würde eine noch viel schmerzhaftere Methode anwenden. Dabei wurden meine Arme hinter meinem Rücken gekreuzt und mit Handschellen gefesselt. Diese Foltertechnik ist im Irak als »Skorpion« bekannt. Sie unterbricht die Durchblutung der Hände und verursacht wochenlange starke Schmerzen in den Schultern. Ich erlitt durch diese Fesselungsmethode zwei Bandscheibenvorfälle und bleibende Schäden an meinen Händen.

Durch Folter erlitt ich zwei Bandscheibenvorfälle und bleibende Schäden an den Händen.

Durch Folter erlitt ich zwei Bandscheibenvorfälle und bleibende Schäden an den Händen.

Eines Tages präsentierte mir das Folterteam die Ergebnisse ihres Versuchs einer Internetrecherche. Man zeigte mir Screenshots von Facebook-Profilen ausländischer Besucher im Irak. Mir wurde befohlen, ich müsse diese Leute kennen und sie identifizieren. Ich befand mich in einem schrecklichen Dilemma: Ich konnte mich nicht wie sonst herausreden, indem ich eine plausibel klingende Antwort erfand, von der ich wusste, dass sie akzeptiert werden würde. Ich kannte keinen dieser Menschen, aber meine Peiniger hatten ja konkrete Namen.Die Milizionäre hängten mich also wieder auf, und ihr Anführer, ein Mann, den ich als »Oberst« kannte, begann, mich mit einem flachen Plastikrohr zu schlagen. Als ich vor Schmerzen ohnmächtig wurde, ließen mich die Männer zu Boden und übergossen mich mit Wasser. Dann hängten mich wieder auf. Erneut verlor ich das Bewusstsein. Später wiederholten sie das Prozedere. Beim dritten Mal hoffte ich in meinem Dämmerzustand, dass sie mich vielleicht länger in Ruhe auf dem Boden liegen lassen würden, wenn ich so täte, als sei ich noch bewusstlos. Aber sie hatten das schon so oft gemacht und wussten, dass ich simulierte. »Hast du dich genug ausgeruht?«, fragte mich Maher spöttisch. Wieder rissen sie an der Kette, um mich in die Luft zu ziehen. Dann brachten sie mich in eine kniende Position.Ich konnte mich nicht stabilisieren und drehte mich wie ein Dreidel. Obwohl mir vor Schwindel schwarz vor Augen wurde, konnten sie erkennen, dass ich noch bei Bewusstsein war. Nach diesen »Sitzungen« gaben sie mir normalerweise Zeit, mich in meiner Zelle auszuruhen, und brachten mir etwas zu essen. Später holten sie mich wieder, um mein »Geständnis« aufzunehmen. Dafür nahmen sie mir die Handschellen ab, damit es so wirkte, als würde ich aus freien Stücken gestehen.

Ich sagte ihnen, was sie hören wollten

Immer wieder erzählte ich ihnen, dass ich vor meinem studienbedingten Wechsel in die USA 2017 für Menschenrechtsorganisationen in Israel gearbeitet hatte. Würden sie nicht begreifen, dass ich so ziemlich die letzte Person war, die der israelische Sicherheitsapparat als Spionin rekrutieren würde? Ich bat sie mehrfach, meinen Namen zu googeln, damit sie meine Artikel sehen konnten und die Kommentare in den sozialen Medien, die ich gepostet hatte und in denen ich die Politik der israelischen Regierung kritisiert hatte. Doch sie weigerten sich, eine solche Suche durchzuführen. Ohnehin konnten sie nur arabische Texte lesen.Ich hatte kein Interesse daran, mich unter Folter »dem Verhör zu widersetzen«, schließlich hatte ich nichts zu verbergen. Es gab nichts, das ich nicht preisgeben wollte. Also sagte ich ihnen, was sie offenbar hören wollten: dass ich für die CIA tätig und eine Spionin des Mossad sei. Natürlich war es unmöglich, beides gleichzeitig zu sein. Aber als diese Männer mich in den kommenden 14 Wochen immer wieder schlugen, lernte ich ihre bizarren Verschwörungstheorien besser kennen. Und ich versuchte, meine Geschichten an ihre Erwartungen anzupassen.Der Oberst war der festen Überzeugung, dass Freimaurer und Zionisten die Welt regierten. Später erklärte er jedoch, dass Israel von Saudi-Arabien, dem wichtigsten Rivalen des Iran in der Region, gegründet worden sei. Wenn die Juden so allmächtig waren, warum brauchten sie dann die Saudis, um bei der Gründung der »zionistischen Entität« behilflich zu sein? Meine Folterer glaubten alle, dass der »Islamische Staat« ein gemeinsames Unterfangen Israels, der USA und Saudi-Arabiens sei mit dem Ziel, den Irak zu unterwandern.

Zweiwöchige Mossad-CIA-Ausbildung

Eine der Grausamkeiten des IS bestand darin, Homosexuelle hinzurichten, indem man sie von Gebäuden warf. Doch Maher sah keinen Widerspruch, als er mir erzählte, dass es in den USA Cafés nur für Männer gäbe, die dazu dienten, Homosexualität im Land zu verbreiten.Die Folterknechte bestanden auch darauf, dass ich ihnen alles über meine Mossad-CIA-Ausbildung berichtete. Also erfand ich einen solchen Bericht. Das gab mir etwas Stoff zur Ablenkung, während ich zwischen den Folterungen in meiner Zelle lag.Da ich keine Ahnung von der Materie hatte, gingen mir nach zwei Wochen die Inhalte aus. Ich beschloss, einfach zu behaupten, dass die Ausbildung zwei Wochen gedauert habe. Ich vertraute darauf, dass sie es nicht besser wissen würden. Da sie ihre Unwissenheit mir gegenüber oft verrieten, wurde mir schnell klar, dass sie alles glauben würden, was ich ihnen erzählte, egal wie abenteuerlich es auch klingen mochte. Meine Geständnisse mussten nur mit ihrer verzerrten Sicht der Realität übereinstimmen.Ihre Unwissenheit wurde durch ihre Inkompetenz in grundlegenden Aspekten der Spionage noch verstärkt. Maher erzählte mir, seine Organisation habe meine Bewegungen in Bagdad mithilfe von Überwachungskameras verfolgt. Das stand jedoch im Widerspruch zu den Aussagen des kleinen Perverslings. Der hatte mir nämlich verraten, wie er mir auf der Straße und in ein Café gefolgt sei, und dabei Details erwähnt, die er eigentlich nicht wissen konnte.Die Folterer brachten auch ihre Smartphones mit in den Raum, in dem ich verhört wurde. Israels Fähigkeit, Handys zu hacken und sie in Abhörgeräte zu verwandeln, ist ja weithin bekannt. Darüber hinaus verrieten meine Entführer wiederholt Informationen, die sich als hilfreich erweisen könnten für strafrechtliche Ermittlungen.

Am Ende schien er die Wahrheit zu akzeptieren

Zwei Jahre später, in einem anderen Gefängnis, in dem ich keinen physischen Misshandlungen ausgesetzt und zuversichtlich war, nicht erneut gefoltert zu werden, wagte ich es dann, einem iranischen Beamten die Wahrheit zu sagen: Alle meine Geständnisse seien Lügen gewesen, die man mir unter Folter abgepresst habe. Zunächst wollte er mir nicht glauben und fauchte zurück: »Woher wusstest du dann, dass die Mossad-Ausbildung zwei Wochen dauert?« Ich antwortete ihm: »Ich wusste, dass ich mir alles ausdenken kann, weil der Mossad euch infiltriert hat, ihr aber nicht den Mossad.« Nachdem er zwei Jahre lang geglaubt hatte, dass ich tatsächlich eine Spionin war, schien er am Ende die Wahrheit zu akzeptieren.Aufgrund ihrer Unwissenheit sind diese Milizionäre ziemlich ineffektiv, wenn es darum geht, ihre eigene Unterwanderung zu unterbinden. Im Februar 2024, kurz nachdem bei einem Angriff der Kataib Hisbollah drei US-Soldaten in Jordanien getötet worden waren, ermordeten die USA den dafür verantwortlichen Kommandeur in Bagdad. Vier Jahre zuvor hatten die USA den früheren Kommandeur der Kataib Hisbollah, Abu Mahdi al-Muhandis, zusammen mit Qasem Soleimani, dem iranischen Kommandeur, der für die Leitung der iranischen Proxys zuständig war, getötet.Die Mischung aus Dummheit und Brutalität mag seltsam erscheinen. Aber sie ist ein Kennzeichen von Regimes, die aus marginalisierten, typischerweise ländlichen Opfern der einstigen Herrscher hervorgegangen sind. Die Unterdrückten übernehmen plötzlich die Macht. Und sie rächen sich an den früheren Eliten, üben Gewalt gegen vermeintliche Gegner aus.

Grausame Regime können die Dummheit und Inkompetenz ihrer Kader nicht kompensieren.

Grausame Regime können die Dummheit und Inkompetenz ihrer Kader nicht kompensieren.

Im Irak war unter Saddam Hussein die Führung der Baath-Partei größtenteils aus der sunnitischen Minderheit zusammengesetzt. Aber die unteren Ränge der Sicherheitsbehörden, die Folterer, wurden aus den ärmeren Provinzen rekrutiert, die mehrheitlich Schiiten waren. In Syrien existierte unter der Assad-Dynastie ein ähnliches System, in dem ländliche Alawiten – eine heterodoxe Sekte, die aus dem Schiismus hervorgegangen ist – die Sicherheitsbehörden dominierten, welche die sunnitische Mehrheit überwachten. Wenn man weiter in der Geschichte zurückgeht, folgten auch das maoistische China und das Kambodscha der Roten Khmer ähnlichen Mustern.Unter solchen Regimen setzt der Staat wahllos Grausamkeit ein, um die Bevölkerung in einem Zustand der permanenten Angst zu halten. Ziel ist es, Widerstand zu verhindern. Doch willkürliche Gewalt kann auf unzuverlässige Informationen zurückzuführen sein, die von unwissenden Verhörern abgepresst werden. So wollen manche Informanten persönliche Rechnungen begleichen. Und Folteropfer wie ich werden so ziemlich alles sagen. Organisationen, die nur mit dummen Schlägertypen besetzt sind, sind in der Regel unfähig, subversive Bedrohungen zu erkennen.Wie meine Erfahrung gezeigt hat, führt körperliche Misshandlung nicht zu besseren Verhören. Folter liefert stattdessen falsche Geständnisse und schlechte Informationen.Dieses Prinzip half mir auch bei meinen »Geständnissen«. Als ich die Verschwörungstheorien meiner Peiniger übernahm – etwas, das ich im ersten Monat meiner Gefangenschaft abgelehnt hatte –, waren die Milizionäre zutiefst zufrieden. Als ich gestand, dass der Volksaufstand von 2019 gegen die korrupte, von Milizen gestützte Ordnung im Irak ein westliches Komplott war, war Maher regelrecht begeistert. Für ihn plante ich auch ein detailliertes Geständnis über die Verbreitung von Homosexualität im Irak. Doch bevor ich die Gelegenheit hatte, es ihm zu präsentieren, wurde ich in ein anderes Gefängnis verlegt.

Dummheit und Inkompetenz als Strategie

Meine Geschichte zeigt, dass grausame Regime die Dummheit und Inkompetenz ihrer Kader nicht kompensieren können. Sicherheitsapparate haben eine verzerrte Sicht auf die Bedrohungen, denen das Regime angeblich ausgesetzt ist.Die Kataib-Milizionäre versuchten, Lösungen dafür zu finden, aber ihre Gegenmaßnahmen waren lächerlich. Meine Entführer erzählten mir, dass sie Informanten in der Protestbewegung hätten, um zu bestätigen, dass die Aktivisten ausländische Agenten seien – was sie nicht sind. Ihre mangelnde Einsicht in die nachrichtendienstlichen Fähigkeiten ihrer Gegner macht diese Milizionäre nachweislich unfähig, Infiltrationen zu verhindern.In der letzten Einrichtung, in der ich gefangen gehalten wurde – kurz vor meiner Freilassung am 9. September 2025 –, waren die für die Bewachung zuständigen Männer nicht besser. Sie befahlen den Wachen, die bei mir saßen, nicht nur ihre Gesichter mit Atemschutzmasken zu verbergen, sondern auch Handschuhe zu tragen. Nun bin ich zwar keine Spionin. Aber ich glaube nicht, dass Latexhandschuhe diesbezüglich etwas bewirken können.

© 2026 The Atlantic Monthly Group. Alle Rechte vorbehalten. Verbreitet durch Tribune Content Agency, LLC. Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf der Webseite TheAtlantic.com und wurde aus dem Englischen übersetzt mit freundlicher Genehmigung von The Atlantic.

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