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»Ich wurde von Idioten entführt«

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12.03.2026

12. März 2026 – 23. Adar 5786

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»Ich wurde von Idioten entführt«

903 Tage lang war die russisch-israelische Wissenschaftlerin Elizabeth Tsurkov als Geisel in der Gewalt pro-iranischer Terroristen. Dies ist ihre persönliche Feldstudie zur Brutalität autoritärer Regime

Vier Männer suchten in meinem Mund nach implantierten Ortungsgeräten. Ich hatte ihnen gesagt, dass ich keine hätte und dass solche Dinge meines Wissens nur in Filmen existierten. Dann fragten sie mich, ob ich Füllungen hätte. Aber auch das glaubten sie mir nicht. Sie schauten noch einmal nach. »Nein, haben Sie keine«, korrigierte mich einer der Männer. Er hatte nichts Silbernes gesehen. Meine Füllungen sind weiß. Die Männer, die dunkle Zivilkleidung und Sturmhauben trugen, schienen überzeugt zu sein, dass solche ihnen unbekannten Füllungen eine Gefahr für ihre Sicherheit darstellten. Da wurde mir klar, dass meine Entführung eine besondere Wendung nehmen würde.Am 21. März 2023 wurde ich gewaltsam aus einem Vorort von Bagdad entführt, wo ich für meine Doktorarbeit an der Princeton University Feldforschung betreiben wollte. Als meine Entführer mich in eine Zelle brachten, schnitten sie die Fesseln durch, die mir in Arme und Beine schnürten, und sie nahmen mir den Stoffbeutel vom Kopf. Das geheime Gefängnis, in das sie mich brachten, wurde von Kataib Hisbollah betrieben, einer irakischen Miliz, die vom Iran unterstützt wird.

Ich wurde entführt, um Lösegeld zu erpressen

So verlief mein erster Tag in Gefangenschaft. Es sollten 902 weitere folgen. Die ersten viereinhalb Monate verbrachte ich in einem Gefängnis, in dem normalerweise die irakischen Gefangenen der Miliz festgehalten werden. Wie ich später erfuhr, arbeiteten die Milizionäre für eine der irakischen Sicherheitsbehörden, von denen wiederum viele stark von pro-iranischen paramilitärischen Gruppen unterwandert sind. Trotzdem geschah meine Entführung aus rein opportunistischen Gründen. Ich wurde entführt, um Lösegeld zu erpressen, und nicht aus politischen Gründen.Seit fast zwei Jahrzehnten forsche ich im Auftrag von Thinktanks in der Levante und war bereits in der gesamten Region unterwegs. Meine Entführer wussten, dass ich russische Staatsbürgerin und mit einer amerikanischen Universität verbunden bin. Deshalb sahen sie mich als lukratives Ziel für eine Entführung und anschließende Lösegeldforderung. Was sie nicht wussten – und was ich ihnen auch nicht preisgeben wollte –, war, dass ich zwar in Russland geboren bin, aber auch die israelische Staatsangehörigkeit besitze.Die Entführung selbst war äußerst gewalttätig, aber im ersten Monat meiner Geiselhaft wurde ich nicht körperlich misshandelt. Allerdings bekam ich nur sehr wenig zu essen. Meistens waren es ein oder zwei Mahlzeiten am Tag, Reis und Brot. Wie ich erst später verstand, sollte mich das für die Verhöre gefügig machen.

Er versuchte es mit der »Good cop – bad cop«-Masche. Nur dass er beide Rollen selbst spielte.

Er versuchte es mit der »Good cop – bad cop«-Masche. Nur dass er beide Rollen selbst spielte.

Die leitete ein Anführer, der sich als Maher vorstellte. Er trug die ganze Zeit eine Sturmhaube, damit ich ihn nicht identifizieren konnte. Die Vorstellung, dass eine Russin für wissenschaftliche Forschungszwecke in den Irak kommt, war für Maher und seine Kollegen völlig abwegig. Sie waren der Meinung, dass ich als Russin nur über Russland forschen könne. Maher versprach mir, mein »größter Fürsprecher« zu werden, wenn ich nachweisen könne, dass ausländische Forscher auch Feldforschung in Russland betreiben. Als ich begann, einige Beispiele aufzuzählen, sah er ziemlich niedergeschlagen aus. Er wurde nicht mein größter Fürsprecher.Mein Problem war, dass meine Verhöre auf der Annahme meiner Entführer basierten, dass unzählige ausländische Spione den Irak durchkämmen, und dass sie annahmen, alle Ausländer im Irak seien Spione. Einmal fragte Maher mich, ob das Gebäude in einem gut geschützten Viertel Bagdads, in dem ich kurzzeitig untergekommen war, komplett von Spionen bewohnt sei. Ich hatte natürlich Schwierigkeiten zu beweisen, dass ich unter den Ausländern eine der wenigen war, die nicht als Spion tätig war. Doch zusätzlich hatte ich es noch mit Inkompetenz bei den Verhören zu tun. Einer der Männer machte sich nicht einmal die Mühe, mir einen falschen Namen zu nennen. Ich werde ihn hier wegen seiner ständigen Berührungen und seiner vulgären Sprache den »kleinen Perversling« nennen. Dieser kleine Perversling behauptete, seine Organisation besitze Aufzeichnungen und Fotos, die meine Spionagetätigkeit belegen würden. Als ich ihn aber darum bat, mir die Beweise vorzulegen, weigerte er sich strikt.

Elizabeth Tsurkov ist frei

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In den Verhören wurde mir immer wieder mit Folter gedroht. Aber in den ersten Wochen hielten sich meine Entführer mit der Umsetzung dieser Drohungen zurück. Vermutlich geschah das auf Anweisung von oben. Da sie offensichtlich nicht darin geschult waren, Verhöre ohne Folter durchzuführen, griffen sie auf Verhörmethoden zurück, die sie wohl aus Filmen kannten. Um mich einzuschüchtern, blies Maher mir Rauch ins Gesicht. Da er eine E-Zigarette benutzte, bekam ich eine Wolke aus Erdbeerdampf ab. Zu einem harten Kerl passte das nicht wirklich. Später versuchte Maher es mit der »Good cop – bad cop«-Masche. Er untergrub aber die Wirkung, indem er beide Rollen selbst spielte – jeden zweiten Tag eine andere, was ihn völlig irre erscheinen ließ.Die komischen Aspekte traten in den Hintergrund, als die Entführer einen Monat nach meiner Gefangennahme mein Telefon knackten, indem sie mich zwangen, ihnen mein Passwort zu geben. Sie entdeckten, dass ich Israelin war. Jetzt drängten sie mich nicht mehr nur zuzugeben, dass ich eine........

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