Die Angst vor den Worten
Als die Tür aufgeht, eröffnet sich der Blick auf ein sonnendurchflutetes Wohnzimmer. Zu hören ist zunächst nur eine Stimme, dann steht Alla Gerber unvermittelt im Raum. Während sie geschäftig Tee und Pralinen auf den Tisch stellt, kommt sie schnell zur Sache. Vor Kurzem sei ein Text über sie in einem Moskauer Online-Magazin erschienen. Sie habe sich um eine positive Atmosphäre bemüht, um ihr Moskau in einem guten Licht erscheinen zu lassen.
Honoriert wurde ihr Anliegen nicht. Statt Wertschätzung und aufrichtigem Interesse seien unter dem Artikel haufenweise antisemitische Kommentare erschienen. Das hätten ihr Bekannte berichtet. Alla Gerber brachte es nicht über sich, die Reaktionen durchzulesen. Wozu auch? Unverständnis und ein Anflug von Zorn schwingen mit, als sie von dem Vorfall erzählt.
Alla Gerber ist Moskauerin durch und durch. In dieser Stadt wurde sie geboren, hier wuchs sie auf, hier erkämpfte sie sich ihren Platz – als Filmkritikerin, Journalistin, Publizistin und öffentliche Stimme. Anerkennung fand sie als unerschrockene Kämpferin gegen Antisemitismus, unermüdlich stellte sie sich allen Widerständen entgegen. Hier hat sie in jungen Jahren ihren Mann verloren. Hier hat sie über neun Jahrzehnte hinweg gute und schlechte Zeiten durchlebt.
»Nicht so laut, nicht am Telefon« – diese Worte prägen sich fest ins Gedächtnis ein.
Jetzt sind definitiv schlechte Zeiten. Daran ändert auch das sprudelnde Leben in den Theatern, Restaurants und Cafés nichts. Die Leute seien regelrecht trunken vom Leben, hält Gerber nüchtern fest. »Jeder versucht, nicht nachzudenken, oder gibt sich Mühe, nicht nachzudenken.« Vielleicht hätten die Menschen das alltägliche Sterben einfach vergessen.
Auch sie geht ins Theater, wie sie es als kulturell und literarisch gebildete Hauptstädterin und Grande Dame immer getan hat. »Ich bemühe mich darum weiterzuleben«, sagt sie und gesteht zugleich, wie schwer es ihr fällt. Kein Tag vergeht, ohne dass sie die Nachrichten aufmerksam verfolgt – und doch vergeht auch kein Tag ohne die lähmende Angst, die so viele Menschen in ihrem Umfeld davon abhält, laut auszusprechen, was dennoch unausweichlich bleibt. »Nicht so laut, nicht am Telefon« – diese Worte prägen sich fest ins Gedächtnis ein.
Wie in der Sowjetunion möchte man meinen. »Nein, das ist etwas ganz anderes und doch überhaupt nicht anders«, widerspricht Gerber. Die Angst vor dem gesprochenen Wort und dem für andere hörbar formulierten Gedanken sei dieselbe. Aber im Hier und Jetzt zu leben, unterscheide sich eben doch in wesentlichen Punkten vom Leben in der vom Stalinismus aufgeriebenen........
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