Die Scham muss die Seite wechseln
Pelicot und die Folgen : Die Scham muss die Seite wechseln
Der Name Gisèle Pelicot steht für ein monströses Verbrechen – und für den beispiellosen Mut einer Frau, die ihre Anonymität aufgab, um anderen Opfern von Vergewaltigung Kraft zu geben. Ihr Buch geht uns alle an.
Fast achtzehn Prozent aller Frauen in Deutschland haben sexuelle Gewalt erlebt, doch nur ein Bruchteil davon wird angezeigt. Die neue Dunkelfeldstudie der Bundesregierung beschreibt nicht nur das Ausmaß, sondern auch den Grund: Scham. Sie hält die Opfer davon ab, zur Polizei zu gehen. Deshalb ist Gisèle Pelicots Satz „Die Scham muss die Seite wechseln“ keine hohle Phrase, sondern eine ernst gemeinte juristische und moralische Aufforderung. Er benennt einen Mechanismus, der zuverlässig funktioniert. Verantwortung dorthin zu schieben, wo sie am wenigsten Widerstand findet: in die Anonymität.
Sicher, mitunter kann Anonymität schützen, aber sie kann auch verletzen. Denn wenn Opfer unerkannt bleiben müssen, nicht aus Vorsicht, sondern aus Furcht vor Gerede oder Schadenfreude, dann ist Anonymität kein Schutz mehr, sondern eine zweite Verurteilung. Wenn am Dienstag Gisèle Pelicots Buch „Eine Hymne an das Leben“ in mehr als zwanzig Sprachen erscheint, auf Deutsch bei Piper, kehrt die Erinnerung an das monströse Verbrechen im südfranzösischen Mazan zurück.
Der Wunsch, das Ungeheuerliche in eine Akte zu bannen
Zehn Jahre lang wurde die heute 73 Jahre alte Französin von ihrem Ehemann hunderte Male narkotisiert und dann von ihm sowie von fünfzig weiteren Männern vergewaltigt.........
