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Ein Auftakt mit Wucht

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Paulskirchenpreis : Ein Auftakt mit Wucht

Mit dem erstmals verliehenen Europäischen Paulskirchenpreis für Demokratie hat die Stadt Frankfurt Maßstäbe gesetzt. Das lag allerdings nicht unwesentlich an der Preisträgerin und ihrer Rede.

Frankfurt hat am Dienstagabend mit der ersten Verleihung des Europäischen Paulskirchenpreises für Demokratie das getan, was neuen Auszeichnungen selten gelingt: Es hat nicht nur eine Lücke im Kalender gefüllt, sondern einen Maßstab gesetzt. Masih Alinejad als erste Preisträgerin – das ist kein vorsichtiges Herantasten, kein „zartes Beiwerk“, sondern ein Auftakt mit Wucht. Und genau darin liegt die Chance dieses Preises: Er könnte sich tatsächlich als eine der bedeutenden europäischen Demokratie-Auszeichnungen etablieren – neben dem Aachener Karlspreis.

Der Anspruch ist groß. Der Paulskirchenpreis will an die Nationalversammlung von 1848 erinnern und Personen ehren, die sich „in herausragender Weise“ für Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat einsetzen. 50.000 Euro Preisgeld sind ein klares Signal, auch materiell. Doch die eigentliche Währung dieses Preises ist Glaubwürdigkeit – und die entsteht nicht aus Satzungen, sondern aus Entscheidungen. Mit der Auszeichnung der iranisch-amerikanischen Aktivistin Masih Alinejad hat das mit der Auswahl der Preisträger betraute Kuratorium Maßstäbe gesetzt.

In einer Liga mit dem Karlspreis?

Wer wissen will, ob aus der neuen Frankfurter Auszeichnung einmal ein Pendant zum Karlspreis werden kann, muss auf den Vergleich blicken – auch auf den nüchternen, finanziellen: Der Internationale Karlspreis zu Aachen ist seit 2025 mit einer Million Euro dotiert – zwanzigmal so viel wie der Paulskirchenpreis. Aber Bedeutung wächst nicht linear mit der Summe. Sie wächst mit der Klarheit des Kompasses.

Alinejad lieferte diese Klarheit in ihrer Dankesrede in der Paulskirche. Sie beschrieb, was westliche Demokratien zu oft verdrängen: dass moralische Verurteilung ohne Konsequenz das Regime in Teheran nicht beeindruckt. „Solidarität ohne Einsatz ist nicht genug“, sagte sie – und legte damit den Finger in die wunde Stelle europäischer Iranpolitik.

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Alinejads Rede war das Gegenteil einer unverbindlichen Festansprache: Sie war der Versuch, den Westen an seine eigenen Maßstäbe zu erinnern – und ihn aus der bequemen Rolle des Kommentators herauszuziehen. Das Völkerrecht, so ihr Argument, dürfe nicht als Schutzschild für die Mullah-Diktatur missverstanden werden; es müsse gegen jene eingesetzt werden, die Terror exportieren und die eigene Bevölkerung unterdrücken.

Genau dadurch wurde diese erste Preisverleihung zu einem starken Zeichen. Frankfurt hat nicht nur eine mutige Frau geehrt, sondern einen Konflikt sichtbar gemacht, in dem Demokratie nicht als Exportware, sondern als Existenzfrage erscheint. Wenn das Kuratorium die Träger des Paulskirchenpreises künftig ähnlich treffsicher auswählt, muss die Auszeichnung den Vergleich mit Aachen nicht scheuen. Im besten Fall wird aus dem Frankfurter Preis eine Auszeichnung, mit der Demokratie nicht gefeiert, sondern geprüft wird.

Ralf EulerVerantwortlicher Redakteur für das Ressort „Rhein-Main“ der Sonntagszeitung und Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Rhein-Main“ der Sonntagszeitung und Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.


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