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Florian Wirtz gegen den Rest der Welt

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30.03.2026

DFB-Team vor Fußball-WM : Florian Wirtz gegen den Rest der Welt

Florian Wirtz definiert, wie weit die deutsche Mannschaft bei der WM kommen kann. Der Bundestrainer muss sein Team nun so bauen, dass Wirtz Freiraum bekommt – aber auch so, dass er sich nicht verrennt.

Es war Fußball wie aus dem Kunstunterricht oder der Computersimulation: Eine Flugkurve, die nicht besser hätte getroffen oder berechnet werden können, in Höhe, Schnitt und Fallwinkel ein ballistisches Meisterwerk. Es war aber auch so, dass die Fußball-Nationalmannschaft diesen Treffer sehr dringend brauchte an jenem 23. Juni 2018 in Sotschi, beim Stand von 1:1 in der fünften Minute der Nachspielzeit des zweiten WM-Gruppenspiels gegen Schweden.

Mit einem Unentschieden wäre es vorbei gewesen, aber sie hatte das Glück, über einen Spieler mit besonderem Gefühl im rechten Fuß zu verfügen, und mit diesem Toni Kroos über eine Fähigkeit, die ein Turnierleben verlängern kann (auch wenn der Exitus dann ein Spiel später kam).

Daran konnte man noch einmal denken, als Florian Wirtz den Ball am Freitagabend in Basel auf eine ähnliche Kurve schickte, auch wenn es sich nicht um einen Do-or-die-Moment handelte, sondern nur um ein Testspiel gegen die Schweiz. Wirtz sagte später, er würde lügen, wenn er behauptete, dass er diesen Treffer zum 3:2 nach einem kurz ausgeführten Eckball genau so gewollt habe oder dass er ihn ohne Weiteres reproduzieren könne.

Aber zuzutrauen ist es ihm und seinem rechten Fuß, so wie es 2018 nur Kroos zuzutrauen war. Man kann diesen Bogen auch noch weiter schlagen: Von Kroos, dem „Torcomputer“, wie die F.A.Z. damals schrieb, und Taktgeber, der noch einer analogen Fußballwelt entsprungen schien, zu Wirtz, der in seinen Bewegungen wirkt, als habe sich ein Avatar ins reale Spiel verirrt. Mit einer Dynamik, die fast schon maschinell und nicht nur muskulös erscheint, und dabei einer filigranen Präzision, wie sie die meisten schon im Stand überfordern würde: der Spieler des KI-Zeitalters.

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Wenn man also fragt, wie lange die deutsche Mannschaft diesmal im Turnier bleiben kann, hat die Antwort – nicht erst seit Freitag – viel mit Wirtz zu tun. Für sie und ihren Bundestrainer Julian Nagelsmann ist es ein großes Glück, über einen wie ihn zu verfügen, und das, ohne dass er sie 125 Millionen Euro kostet. Diese Summe ist nebenbei aber auch eine Erinnerung daran, dass es sich bei Wirtz nicht nur um einen Spieler aus Fleisch und Blut handelt, sondern auch um einen, bei dem der Kopf mitspielt.

Being Florian Wirtz – das wirkte in den vergangenen Monaten manchmal nicht nur wegen der Erwartungen von außen wie ein Kampf, sondern auch wegen seiner eigenen. Im besten Fall (und der von Nagelsmann verbreiteten Lesart) hat er sich in England abzeichnende Erfolg Wirtz auch darüber hinaus befreit und gleichzeitig mental gepanzert. Aber möglich ist auch, dass es eher ein Anfang als ein Ende ist – und Aufgabe des Bundestrainers, ihn dabei weiter zu unterstützen.

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Am Freitag sah es manchmal aus, als würde nicht Deutschland gegen die Schweiz, sondern Wirtz gegen den Rest der Welt spielen. Er scheint es einerseits für sich zu brauchen. Andererseits ist zu befürchten, dass er sich gegen Teams aus einer anderen Gewichtsklasse damit übernimmt. Es ist deshalb eine von Nagelsmanns zentralen Aufgaben bis zur WM: wie er seine Mannschaft strukturell und personell so organisiert, dass Wirtz die Freiheit hat, sich auszutoben, ohne dass er sich dabei verrennt.

Auch wenn es in Basel ein anderer war, der halluzinierte, Nico Schlotterbeck im Spielaufbau, gilt für Wirtz derselbe Warnhinweis wie für die KI: Besser nicht alles alleine machen lassen.

Christian KampKorrespondent für Sport in Berlin.

Korrespondent für Sport in Berlin.


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