Die Frau mit dem Blick auf die Ränder
Büchner-Preis für Wunnicke : Die Frau mit dem Blick auf die Ränder
Christine Wunnicke ist der diesjährige Büchner-Preis zugesprochen worden. Damit wird eine Schriftstellerin gewürdigt, die sich früh für Diversität ihrer Protagonisten interessierte. Und eine, die Stilgefühl besitzt wie wenige sonst.
Bis Christine Wunnicke in den Fokus der Literaturkritik und dann auch des Publikums gerückt ist, brauchte es Zeit. Zeit seit 1998, als „Fortescues Fabrik“ erschien, ein schmaler Roman über einen englischen Dichter des frühen neunzehnten Jahrhunderts, der seine Poesie in derart dichter Folge produziert, dass es nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Tut es auch nicht, und zudem sind die Autoren, deren Einfällen sich der homosexuelle Fortescue bedient, oft seine Gespielen. Im Gewand eines historischen Romans erzählte Wunnicke in mehrfacher Hinsicht die Geschichte eines Außenseiters, der sich vom Rand ins Zentrum des Literaturbetriebs hineinarbeitet und von dort wieder ausgespuckt wird. Also das Gegenteil ihrer eigenen Schriftstellerinnenkarriere.
„Fortescues Fabrik“ blieb zunächst wenig beachtet, aber Wunnicke liebte den Stoff so sehr, dass sie ihn umarbeitete zur Erzählung „Missouri“ (dorthin verschlägt es ihren Helden), die 2006 erschien und dann noch einmal 2020, als Wunnicke schon........
