Lotta ist noch da
!!Triggerwarnung: Dieser Text thematisiert Suizid!!
Als die Videoverbindung steht, sehe ich zuerst die weiße Wand. Dann Lotta. Sie sitzt in ihrem Bett, ein kariertes Kissen zwischen Rücken und Wand geklemmt. „Raufaser“, sagt sie und grinst. „Das piekst immer so.“ Hinter ihr sind die Vorhänge halb geschlossen. Neben ihr auf dem Nachttisch stapeln sich Medikamente.
Auf meinem Bildschirm wirkt Lotta nicht wie eine Schwerkranke. Nicht zerbrechlich. Nicht einmal sichtbar erschöpft. Die blonden Locken fallen ihr ins Gesicht, während sie sich über den Handybildschirm beugt. Erst später werde ich verstehen, wie viel Kraft dieser Videoanruf sie kostet.
Dabei war Lotta einmal jemand, den man kaum übersehen konnte. Wir kennen uns aus der Schulzeit. Nicht besonders gut. Aber gut genug, dass ich mich noch an ihr Lachen, an die hellen wachen Augen und an die wilden Locken, die beim Gehen hüpfen, erinnern kann. Lotta war einer dieser Menschen, die andere anzogen. Lustig, spontan, sorglos. Immer unterwegs, immer unter Leuten. Eine, die das Leben sichtbar mochte – und umgekehrt.
Von Lottas Erkrankung habe ich über Instagram erfahren, Anfang 2024 schrieb ich ihr eine Nachricht: „Liebe Lotta, würdest du mit mir über ME/CFS sprechen?“
ME/CFS steht für Myalgische Enzephalomyelitis, eine schwere Erkrankung, die das Nerven- und Immunsystem sowie den Stoffwechsel betrifft. Sie wird auch „Chronisches Fatigue-Syndrom“ genannt und tritt bei der Mehrzahl der Patient:innen nach Virusinfektionen auf. Der Begriff „Chronisches Fatigue-Syndrom“ gefällt Lotta nicht. „Fatigue klingt nach Müdigkeit“, wird sie später sagen. „Wir sind aber nicht einfach müde. Wir sind schwer krank.“
Seit der Coronapandemie ist die Zahl der Betroffenen deutlich gestiegen. Forscher:innen der ME/CFS Research Foundation und dem Unternehmen Risklayer gehen schätzungsweise von mehr als 650.000 Erkrankten in Deutschland aus. Frauen sind dabei circa dreimal häufiger betroffen als Männer. Erkrankte leiden zum Beispiel unter Schmerzen, schwerer Erschöpfung, Konzentrationsschwierigkeiten und Schlafstörungen. Schon kleinste körperliche oder mentale Anstrengungen und Reize können dazu führen, dass sich die Symptome und der allgemeine Gesundheitszustand deutlich verschlechtern. Im schlimmsten Fall führt das zu dauerhafter Bettlägerigkeit.
Für Lotta bedeutet die Krankheit deshalb, dass sie viel ruhen muss. Am besten im........
