Jetzt auf einmal schreit Trump im Iran-Krieg nach Verbündeten
Eigentlich ist es eine Bitte. Doch es wäre nicht Donald Trump, würde er seine Bitte nicht mit einer dreisten Drohung verknüpfen. Sollten ihm die europäischen Verbündeten nicht dabei helfen, die Straße von Hormus für den Schiffverkehr wieder zu öffnen, sei der Nato eine „sehr schlechte Zukunft“ beschieden, warnte der US-Präsident nun in einem Interview. Bei den Europäern stieß er damit zunächst auf enden wollende Hilfsbereitschaft. Die Antwort aus Berlin und anderen Hauptstädten fiel aus nach dem Motto: Du hast dir die Sache mit dem Krieg eingebrockt – jetzt löffle sie auch selber aus. Es ist auch wahrlich eine Chuzpe Trumps, sein Ansinnen in dieser Form vorzubringen. Er hat die Verbündeten nicht konsultiert, bevor er gegen Irans Regime losgeschlagen hat. Und jetzt, wo er Hilfe braucht, sollen sie springen. Der Ärger der Europäer über Trump ist mehr als berechtigt. Doch Ärgern hilft nichts. Denn zugleich stehen die Europäer vor einem Riesenproblem.
Der US-Präsident machte sich in den vergangenen Monaten immer wieder lustig über die militärischen Fähigkeiten seiner Nato-Partner. Er warf ihnen vor, den USA ohnehin nie geholfen zu haben. Das sorgte Anfang des Jahres vor allem in Großbritannien für Empörung. In London verwies man auf die vielen britischen Soldaten, die an der Seite des US-Militärs in Afghanistan getötet worden waren. Trump ruderte daraufhin verbal wieder zum Teil zurück.
Wirtschaftlicher Kollateralschaden des Iran-Kriegs trifft Europa
Europäische Staaten auf eine gemeinsame politische Linie einzuschwören, die dann auch noch mit dem Partner USA abgestimmt ist, ist grundsätzlich keine leichte Aufgabe. Bisherige US-Präsidenten hatten es aber immer wieder zumindest versucht. Trump zeigte daran aber von Anfang an wenig Interesse. So wie er Außenpolitik betreibt, verwundert sein Alleingang im Iran nicht. Natürlich hat es der egomanisch auftretende Chef im Weißen Haus nicht für nötig befunden, seine Verbündeten zumindest politisch ins Boot zu holen. Doch ob die Europäer wollen oder nicht: Sie sitzen bereits mit im Boot. Denn sie trifft der wirtschaftliche Kollateralschaden durch den Iran-Krieg mindestens so schmerzhaft wie die Amerikaner.
Es ist deshalb im ureigensten Interesse der Europäer, dass die Angriffe auf Erdöl- und Erdgaseinrichtungen in den Golfstaaten gestoppt werden – und dass wieder Tanker ungehindert durch die Straße von Hormus fahren können. Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron hat bereits die Idee geäußert, gemeinsam für eine sichere Passage durch diese strategisch wichtige Meerenge im Golf zu sorgen. Er stellte aber auch klar, dass die Voraussetzungen dafür noch nicht gegeben seien. So wie andere europäische Politiker will er auch nicht, dass Trump ihn dabei vor sich hertreibt.
Sturz des Regimes wäre Erlösung für Iraner
Dass die Versorgung mit Öl und Gas bei einem längeren Krieg am Golf leiden würde, war bereits zu befürchten gewesen, bevor noch der erste Marschflugkörper in Teheran einschlug. Die Planer in Washington sind in einigen Annahmen offenbar zu optimistisch gewesen. Vor allem scheinen sie sich zu wenig Gedanken über die Zeit nach dem Krieg gemacht zu haben. Ein Sturz des mörderischen iranischen Regimes wäre eine Erlösung für die Menschen im Iran und würde einen Gefahrenherd in der Region beseitigen. Wie das konkret erreicht werden kann und wodurch das Regime vorerst ersetzt werden soll, darauf scheint es keine Antworten zu geben. Irans Opposition ist gespalten, nur ein Teil von ihr sieht in Schah-Sohn Reza Pahlavi eine Alternative zur Herrschaft der Mullahs. Zugleich lässt Trump offen, ob er überhaupt noch einen Regimechange will. Möglicherweise steigt er über Nacht aus seinem militärischen Abenteuer einfach wieder aus – egal in welchem Zustand er die Menschen im Iran und die gesamte Region dabei zurücklässt. Die Europäer werden dabei ohnehin wieder vor vollendete Tatsachen gestellt werden.
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