Das „blinde“ Wettrüsten der Tech-Konzerne geht uns alle an
Es ist die Wette des Jahrhunderts: 650 Milliarden US-Dollar (548 Mrd. Euro) wollen Amazon, Microsoft, Alphabet und Meta alleine heuer in den Bau neuer Rechenzentren und den Kauf von Halbleitern investieren, um die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) weiter voranzutreiben. Zum Vergleich: Um das Geld könnte Österreich seine gesamten Staatsschulden begleichen und hätte immer noch hundert Milliarden übrig. In Summe setzen Technologiefirmen bis 2028 sogar drei Billionen Dollar darauf, dass sich KI irgendwann auch rechnet, schätzt die Investmentbank Morgan Stanley. Doch selbst den reichten Konzernen der Welt geht langsam das Geld aus – und das macht das Billionenprojekt zum Risiko für alle.
Das jüngste Indiz dafür, dass die Technologie das Zeug dazu hat, ganze Wirtschaftszweige von Grund auf zu verändern, lieferte Anthropic. Der größte Herausforderer von ChatGPT-Entwickler OpenAI löste zu Monatsbeginn einen Kurssturz bei den Aktien von Softwareanbietern aus, als es ein Produkt auf den Markt brachte, das auch komplexe Arbeitsabläufe auf dem Feld der Juristerei oder der Finanzanalyse autonom übernehmen soll. Wenige Tage später spülten Investoren rund um Microsoft und Nvidia weitere 30 Milliarden Dollar in die Kassen des erst fünf Jahre alten Unternehmens. Das „größte Infrastrukturprojekt der Geschichte“ koste eben sein Geld, meint Jensen Huang, Chef des Halbleiterherstellers Nvidia, den der KI-Boom binnen weniger Jahre zum reichsten Mann der Welt gemacht hat.
Die nächste Stufe der Künstlichen Intelligenz: Das Zeitalter der Agenten beginnt
Der digitale Einkäufer steht bereit, das Bezahlen ist noch nicht geregelt
Doch just dem Anthropic-Gründer Dario Amodei geht das Wettrüsten der Branche irgendwie zu schnell. Die KI-Konzerne müssten Entscheidungen „ziemlich blind“ treffen, klagte er kürzlich. Auch sie wüssten nicht genau, ob die Chips und Rechenzentren, die sie heute bestellen und planen, genau das seien, was es für die weitere Entwicklung brauche. Microsoft-Gründer Bill Gates sieht das ähnlich: KI sei zwar die größte technische Entwicklung, die er erlebt habe, trotzdem erinnere ihn vieles an eine Neuauflage der Dotcom-Blase. Selbst Alphabet-Chef Sundar Pichai sieht „irrationale Elemente“ im Investitionsverhalten seiner Branche. Trotzdem spielt er weiter mit. Und das hat Folgen.
Zu wenig Energie, zu hohe Preise
In den USA stehen heute 4000 Rechenzentren. In neun Jahren sollen es vier Mal so viele sein. Allerdings scheitern heute bereits viele Projekte, weil Bauland, Wasser oder Energie knapp werden. Wo viele Rechenzentren gebaut wurden, stiegen die Strompreise mitunter um über 250 Prozent. Ein ähnliches Problem gibt es bei den Computerchips. Auch sie sind nicht unbegrenzt verfügbar, weshalb Laptops und Smartphones gerade so rasch teurer werden, wie nie zuvor.
„Niemand will die Person sein, die ohne KI arbeitet, wenn andere damit doppelt so schnell sind“
Wirklich heikel ist aber, dass auch die großen Wachstumsmaschinen der US-Wirtschaft diese Mammutinvestitionen nicht mehr mit ihrem eigenen Geld stemmen können. Alphabet, Microsoft, Amazon und Meta nahmen zuletzt vier Mal mehr Fremdkapital auf als im langjährigen Schnitt, sagt Morgan Stanley. Meist über „kreative Konstruktionen“, die es schwer machen, das wahre Ausmaß abzuschätzen, warnt der Internationale Währungsfonds. Dazu kommt, dass Chiphersteller wie AMD und Nvidia den Expansionskurs der KI-Firmen finanzieren und so die Nachfrage nach ihren eigenen Produkten künstlich in die Höhe treiben. Ähnliches war auch im Vorfeld der Dotcom-Blase übliche Praxis. Geht der KI-Blase die Luft aus, könnte sich der Schock rasch ausbreiten.
Künstliche Intelligenz wird fester Bestandteil unseres Lebens sein, und es hat Sinn, sich darauf vorzubereiten. Aber das alleine reicht nicht: Wir müssen auch ein wachsames Auge darauf haben, dass wir auf dem Weg in diese neue Welt nicht in alte Krisen stolpern.
E-Mail: matthias.auer@diepresse.obfuscationcom
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