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Die Chef-Frage ist sekundär: Der ORF muss sich fragen, was er leisten soll

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09.03.2026

Über die genauen Gründe für den Hals-über-Kopf-Rücktritt des ORF-Chefs wird wohl noch länger spekuliert werden. Ein Faktum aber bleibt bestehen: Vor der im Sommer anstehenden Neuwahl der Führung des mit meilenweitem Abstand größten Mediums des Landes werden die Karten völlig neu gemischt. Mit Roland Weißmann ist der favorisierte Kandidat aus dem Rennen. Wie es weitergeht, ist wohl gerade die meistdiskutierte Personalfrage der Republik.

Im Prinzip gibt es zwei realistische Varianten, was nun passieren könnte. Die „Bitte weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen“-Variante ist die vorhersehbare. Also der von führenden Kräften des Stiftungsrats und ihren politischen Einflüsterern geplante Versuch, aus dem Duell um das Büro auf dem Küniglberg mit Blick bis in den 1. Bezirk nun einen Solo-Lauf zu machen. Nach dem Aus für den amtierenden Generaldirektor seinen aussichtsreichsten Herausforderer Alexander Hofer, den Direktor des Landesstudios Niederösterreich, ohne viel Aufhebens auf den Schild mit dem rot-weiß-roten Auge zu heben.

Wem das nützt? Der friktionsfreien Abarbeitung des Personal-Sideletters der schwarz-rot-pinken Koalition, die der ÖVP das Vorschlagsrecht für die Nummer eins im ORF zugesteht. Dem Frieden in der ÖVP, die St. Pölten mit dieser paktierten Opfergabe besänftigt halten will. Dem Frieden in der Koalition, weil der Sideletter für alle etwas Schönes bereithält. Natürlich dem Stiftungsrat, dessen rot-schwarze Doppelspitze bisher alle Debatten über die offen politisierte Organisation der Freundeskreise tapfer filibusternd wegzureden versuchte, um überfällige Reformen auszusitzen.

Und natürlich dem ORF als Ganzes, der die schwelende Frage, was im Eine-Milliarde-Euro-Unternehmen tatsächlich vom öffentlich-rechtlichen Auftrag umfasst ist und worüber man neu nachdenken sollte, konsequent verweigert. Wie man anhand des epischen Beitrags am Montag zur Schweizer Abstimmung über den öffentlich-rechtlichen SRG im Ö1-„Morgenjournal“ nachhören kann.

Riesiger Druck und Fehler

Denn klassische Medien, und der ORF und seine internationalen Pendants sind deren prominentesten Vertreter, stehen unter riesigem Druck. Ein Teil davon ist offen politisch motiviert: Im ORF-Stiftungsrat hat Peter Westenthaler die Rolle übernommen, für die FPÖ eine kritische Instanz zu diskreditieren und damit zum Schweigen zu bringen. Doch ein anderer Teil ist hausgemacht: ZDF und BBC, zwei renommierte öffentlich-rechtliche Anstalten, haben zuletzt mit schweren journalistischen Fehlern das Ansehen des öffentlich-rechtlichen Konzepts in Gefahr gebracht.

Daneben ist die notwendige Legitimation eines staatlich finanzierten Medienriesen die breite Akzeptanz beim Publikum. Der ORF verfügt jährlich über rund 700 Millionen Euro aus der Haushaltsabgabe und kann diese mit massiven Folgen für den Medienmarkt noch mit Werbeeinahmen um 300 Millionen Euro auffetten. Das Vertrauen in den ORF und damit auch in seine Berichterstattung leidet natürlich auch, wenn nun der Weißmann-Abgang einmal mehr Fragen zur gelebten Unternehmenskultur aufwirft.

Sinkendes Vertrauen und damit Relevanz nur trotzig mit dem Hinweis auf die eigene Unersetzlichkeit und Wichtigkeit für Demokratie und Meinungsfreiheit zu beantworten, ist da (wie für alle Medien) einfach zu wenig. Professionelle journalistische Medien müssen alles tun, um ein valides Gegenkonzept zu medienrechtlich nicht verantwortlichen Nachrichtenschleudern im Netz zu bieten. „Der Nächste, bitte!“ als Antwort reicht da sicher nicht.

E-Mails an: florian.asamer@diepresse.obfuscationcom

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