Erkenne dich selbst … im anderen
Wer kennt in Zeiten der erhitzten Sozialen Medien nicht solche Sprüche wie: „Das kann nicht sein, das habe ich noch nie gesehen!“ oder „Ich habe Lebtags so etwas nicht erlebt, so etwas gibt es nicht!“. Ganz lustig fand ich mal: „Was für ein Blödsinn – so ein Buch ist mir noch nicht untergekommen, das gibt es nicht!“
Die eigene Erfahrungswelt, die Subjektivität des Wahrnehmens und des Erlebens – man neigt einfach dazu, sie für universell zu halten. Bei kleinen Kindern sieht man das, wenn sie sich zum Beispiel „verstecken“, indem sie die Augen zuhalten. Wenn sie selbst nichts mehr sehen, dann wird der andere sie auch nicht sehen, so die Logik dahinter. Freilich habe ich das auch später als größeres Kind als grobe Einschätzung beim Versteckenspielen genommen: Bin ich hinter einem Hindernis und kann den Suchenden nicht sehen, dann bin ich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch außerhalb seiner Sichtweite. Und wenn meine Augen freie Sicht auf etwas haben, dann hat jemand anderes eben auch freie Sicht auf sie. Es gibt also ein Spiel um Erkennen und Erkanntwerden, das in Verbindung zueinandersteht.
Doch was ist mit dem eigenen Gesicht? Wie erkennt man das auf Fotos oder im Spiegel? Es gibt Filme Die zwei Leben der Veronika oder Us, da trifft der Protagonist auf seinen Doppelgänger und staunt oder ist erschrocken. Aber würde das so überhaupt funktionieren? Ich meine – wem hat denn so perfekt gegenwärtig, wie man selbst aussieht, und dann noch in Gestik und Mimik übereinstimmt? Tatsächlich gibt es Studien aus diesem Jahrhundert, die sich mit dem Selbsterkennen des Gesichts beschäftigen und es scheint einiges darauf hinzuweisen, dass man auf Fotos sich selbst schneller erkennt als andere. Woran das liegt, lässt sich aber aus den Daten nicht unbedingt schließen. Plausibel ist entweder, dass man Verwandtschaft durch Ähnlichkeit erkennt oder dass man als moderner Mensch (und nur diesen kann man im Moment gut testen) eine solche Vielzahl an verschiedenen Versionen seiner Selbst in Bildern, Spiegel, Videos etc. hatte UND sich selbst für sehr wichtig erachtet, dass diese Daten einfach am interessantesten sind.
In der Entwicklungspsychologie des menschlichen Kindes gibt es zwei Meilensteine, die bemerkenswert sind. Der erste kommt üblicherweise mit dem zweiten........
