Vernunft statt Ideologie: Die Wähler in Baden-Württemberg folgen einer ganz eigenen Logik
Es ist mal wieder soweit: Wahlen in Deutschland. In diesen stürmischen Zeiten! Und sei es, dass es auch nur die Wahl in einem einzelnen Bundesland ist – das Land hier ist besonders. In jeglicher Hinsicht.
Wenn in Baden-Württemberg Landtagswahl ist, dann wählt das Land nicht nur Parteien, sondern Temperamente. Es ist ein Urnengang der Mentalitäten. Hier die Badener, dort die Schwaben, dazwischen der Neckar als flüssiger Vermittlungsausschuss.
Der Schwabe spart. Nicht aus Geiz, sondern aus Prinzip. Er hebt Rechnungen auf wie andere Leute Liebesbriefe. Sein Gott heißt Kehrwoche, sein Prophet ist der Taschenrechner. In Stuttgart wird nicht gejubelt, sondern gerechnet. Politik ist hier eine Excel-Tabelle mit Herz. Man wählt solide, gerne grün grundiert, ökonomisch vernünftig, technologisch auf der Höhe der Zeit. Man hat schließlich Daimler Truck, Bosch und das Tüftlertum im Blut. Der Schwabe erfindet die Zukunft, aber bitte mit Wartungsvertrag.
Stephan-Andreas Casdorff ist Editor-at-Large des Tagesspiegels. Seit seinen Jahren bei der Stuttgarter Zeitung hat er ein großes Herz für die Menschen im Ländle.
Der Badener hingegen lebt. Er diskutiert Politik wie andere Leute Weinlagen. In Freiburg im Breisgau wird die Welt gerettet, notfalls mit Solarzelle und Sauvignon Blanc. Der Badener wählt mit Gefühl, mit Haltung, mit einer gewissen Lust am Diskurs. Er hat Frankreich vor der Tür und das Elsass im Herzen. Während der Schwabe noch prüft, ob die Photovoltaik-Anlage amortisiert ist, hat der Badener sie schon montiert – und eine Bürgerinitiative gegründet, falls sie Schatten wirft.
Das eint Schwaben und Badener: die leise Überlegenheit. Man muss nicht laut sein, wenn man liefern kann.
Das eint Schwaben und Badener: die leise Überlegenheit. Man muss nicht laut sein, wenn man liefern kann.
Stephan-Andreas Casdorff
Kulturell ist das ein Kabinettstück. Der Schwabe baut Häusle, der Badener Terrassen. Der eine liebt die Präzision, der andere die Pointe. Man könnte sagen: Der Schwabe ist die Schraube, der Badener der Korken. Beides hält zusammen, je nachdem, wo und wenn man es richtig dreht.
Politisch war dieses Land lange ein schwarzes Biotop. Dann kam die ökologische Erweckung, und mit ihr ein Ministerpräsident, der wie ein Landesvater im Janker wirkte und doch ein Grüner war. Winfried Kretschmann wurde zur schwäbisch-badischen Synthese: protestantische Nüchternheit mit katholischer Milde. Er sprach vom Maß und meinte die Macht. Und beide Landesteile nickten – der eine aus Überzeugung, der andere aus Pragmatismus.
Es bleibt eine freundliche Rivalität
Ökonomisch ist Baden-Württemberg in jedem Fall ein Hochleistungsbiotop. Mittelstand als Mythos, Export als Lebenselixier. Selbst die Bayern haben Respekt. Hidden Champions verstecken sich hier nicht aus Scham, sondern aus Strategie. Man ist Weltmarktführer in Dingen, die anderswo niemand aussprechen kann. Das eint Schwaben und Badener: die leise Überlegenheit. Man muss nicht laut sein, wenn man liefern kann.
Und doch bleibt die freundliche Rivalität. Der Badener hält den Schwaben für knitz, für schlau, der Schwabe den Badener für ein bissel lau. Der eine eher maulfaul, der andere eher geschwätzig. Beide haben recht, beide liegen falsch. Am Wahlabend schauen sie gemeinsam auf die Hochrechnungen und murmeln: „Mal sehen.“ Große Gesten sind nicht ihre Sache. Man wägt ab, man prüft, man bildet Koalitionen wie andere Leute Kompromisse im Familienrat.
Eine Inventur der Vernunft
Vielleicht ist das das eigentliche Geheimnis dieses Landes: Es liebt die Balance. Zwischen Sparbuch und Spätburgunder, zwischen Schraubstock und Sonnenuntergang. Wenn hier gewählt wird, entscheidet nicht die große Ideologie, sondern die Frage, wer am verlässlichsten das Morgen organisiert.
So ist die Landtagswahl weniger ein Sturm der Leidenschaften als eine Inventur der Vernunft. Man zählt Stimmen wie Schrauben, man sortiert Programme wie Weinkisten. Am Ende steht kein Triumphgeheul, sondern ein zufriedenes Nicken. Es läuft. In vielem auch saugut.
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Von außen gesehen mag das zuweilen unspektakulär wirken. Aber in Zeiten, in denen anderswo die Politik zum Spektakel verkommt, ist die schwäbisch-badische Gelassenheit vielleicht die eigentliche Pointe. Man kann sich streiten, man kann sich necken – wenn es ernst wird, hält man zusammen. Das ist auch nötig. Denn das Autoland ist in seiner vielleicht schwersten Krise. Aus der schafft man es nur mit vereinten Kräften heraus. Aber wem kann das gelingen, wenn nicht ihnen, den Menschen im Ländle?
Hier gehört längst zusammen, was vor Jahrzehnten aus Württemberg-Baden, Süd-Baden und Württemberg-Hohenzollern zusammengefügt worden ist. Wie gute Nachbarn. Das ist schon besonders. Und auf sie alle passt, landestypisch gesagt: Schaffa, wähla, weitermacha.
