Streiten, ohne einander infrage zu stellen: Das Emoji, das noch fehlt
Kürzlich schwärmte ein Freund in einer WhatsApp-Gruppe davon, wie er nach Jahren erstmals wieder den Film „Matrix“ gesehen habe und ziemlich begeistert gewesen sei: wie Neo da den Kugeln ausweicht, wild in der Lobby um sich schießt, zwischen der grünen und der roten Pille auswählen muss.
Ich wollte direkt widersprechen. Neo hatte schließlich die Wahl zwischen einer roten und einer blauen Pille. Aber ich wollte meinen Freund nicht vor den Kopf stoßen, denn seine Lobeshymne gefiel mir ansonsten sehr, ich mag den Film ebenfalls und fand es schön, dass der Freund seine Wiederentdeckung und seine Begeisterung mit uns teilte.
Wie könnte ich ihm in diesem einen Detail widersprechen, ohne erst umständlich dazusagen zu müssen, dass ich den Rest seines Posts schätzte?
Vor einiger Zeit habe ich angefangen, mich intensiver mit Missverständnissen zu beschäftigen: wie sie entstehen und was sie anrichten können, ohne dass wir es überhaupt mitbekommen. Besonders leicht ergeben sie sich in der Schriftsprache, vor allem in Kurznachrichten. Während es bei Gesprächen Stimme, Gesicht, Lächeln und Handbewegungen gibt, steht in der Nachricht bloß der nackte Widerspruch.
Sebastian Leber ist Reporter und Kolumnist beim Tagesspiegel. In seiner Kolumne „Auf dem Schirm“ versucht er zu verstehen, warum........
