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Im Tagesspiegel vor 80 Jahren: Die goldenen Knöpfe des Hauptkriegsverbrechers

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Hitlers Nummer zwei war nun Angeklagter Nummer eins: Hermann Göring, dessen „Führer“ und Idol sich dem Nürnberger Gericht durch Suizid entzogen hatte.

Um Nürnberg in dieser Woche vor 80 Jahren soll es in dieser ersten Folge unserer historischen Kolumne gehen, genauer: um Görings Auftritt im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher und darum, wie der Tagesspiegel seinerzeit darüber berichtet hat.

Markus Hesselmann hat 30 der 80 Jahre Tagesspiegel-Geschichte als Redakteur miterlebt. Er schaut gern ins Archiv und holt Artikel aus den frühen Jahren unserer Zeitung ans Licht, jetzt auch für diese Kolumne.

In den kommenden Folgen dieser neuen Kolumne wollen wir schauen, was sonst an Bemerkenswertem und Bleibendem im Tagesspiegel jeweils vor 80 Jahren zu finden ist, aus der Gründerzeit unserer am 27. September 1945 erstmals erschienenen Zeitung. Dabei zitieren wir – dies vorab klargestellt – in der damaligen Rechtschreibung.

Die Historikerin Heike Krösche, die über den Nürnberger Prozess und die deutsche Öffentlichkeit für ihre Dissertation und weitere Studien geforscht hat, attestiert dem Tagesspiegel den Willen, „die Rechtfertigungsstrategie von Hermann Göring zu entlarven“.

Das passte zum sprachkritischen Ansatz unserer Zeitung von Beginn an, forciert hauptsächlich durch die Gründer Erik Reger und Walther Karsch.

Insgesamt „bemerkenswert“ findet Krösche, wie der Tagesspiegel über den Nürnberger Prozess schrieb. Zum Beispiel, „dass der Tagesspiegel die behauptete Unwissenheit der deutschen Bevölkerung deutlich zurückwies und deren Opferperspektive ablehnte“.

Doch eine „gewisse Faszination für die Nürnberger Angeklagten“ war laut der Historikerin, die sich die gesamte Berichterstattung mehrerer Zeitungen angesehen hat, auch im Tagesspiegel zu spüren, „insbesondere zu Beginn des Prozesses“.

Da gab es dann ausführliche Beschreibungen ihres Äußeren, ihrer Aura, deren Verfall. Göring etwa „trägt einen hellgrau-beigefarbenen Uniformrock mit goldenen Knöpfen. Aber von den früheren goldgestickten Rangabzeichen und den unzähligen Orden ist nichts mehr zu sehen“. So las sich das im Tagesspiegel-Artikel über die Eröffnung der Verhandlung im November 1945.

„Wer soll ihm das glauben?“

Vor 80 Jahren nun, vier Monate nach dem ersten Verhandlungstag, geht es wie schon zu Prozessbeginn vor allem um den früheren „Reichsmarschall“.

Bei dieser pompös-leutseligen Gestalt droht bis heute die Gefahr der Verharmlosung, eine Diskussion, die in Deutschland wieder aufkommen wird, wenn hier im Mai der Film „Nuremberg“ mit Russell Crowe als Hermann Göring anläuft. Das jüdische Magazin „Forward“ etwa vermisst an der filmischen Darstellung Görings dessen Antisemitismus.

Darüber schreibt Walther Karsch am 17. März 1946 (hier die Seite mit dem Artikel aus dem Archiv). „Wer soll ihm das glauben?“, fragt der Tagesspiegel-Gründer, als Göring das antisemitische Stereotyp nutzt, dass Juden doch selbst schuld seien am Antisemitismus, im konkreten Fall an der Radikalisierung der NSDAP, weil sie gegen die Partei „gehetzt“ hätten. Geglaubt und als Begründung für Diskriminierung genutzt werden solche und ähnliche Erzählungen der Täter-Opfer-Umkehr allerdings bis heute.

Karsch macht auch auf stilistische Unterschiede dieser Verhandlung gegen Nazis im Vergleich zu Verhandlungen von Nazis aufmerksam: kein Niederbrüllen im Stile eines Roland Freisler, man lässt ausreden.

Andererseits hat die demokratisch-rechtstaatliche Fairness gegenüber den Feinden von Demokratie und Rechtsstaat die Folge, dass eine Bühne bereitet wird, die ein auratischer Redner wie Göring gern nutzt. „Der Zeugenstand als Rednerpult“ ist denn auch Karschs Artikel überschrieben.

Tagesspiegel-Gründer Walther Karsch am 17. März 1946

„Doch der Tonfall, diese unerträgliche Jovialität, ist geblieben. ,Hermann’ ließ er sich gern nennen, und so ist er denn auch selbst dann noch, wenn er, nach dem Begriff Herrenrasse gefragt, äußert, er habe das Wort nie benutzt, denn wenn einer ein Herr sei, dann brauche er das nicht zu betonen.“

Goldene Knöpfe hin oder her, „Hermann“ hier, „Hermann“ da: Es geht nicht um einen Operettenfürsten, sondern den nationalsozialistischen Hauptkriegsverbrecher Göring, einen der Hauptverantwortlichen für den Holocaust.

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Es lag Karsch daran, der auch in unseren Tagen bestehenden Gefahr entgegenzuwirken, diesen Typus Gewaltherrscher – jovial, auratisch, mal auftrumpfend, mal charmierend, aber letztlich brutal und zynisch, mörderisch, machtgierig, prunksüchtig – zu unterschätzen und zu verharmlosen,

In seiner 2025 erschienenen Göring-Biografie nennt der Journalist Andreas Molitor Mythen, die sich zäh hielten: „Göring, das freundliche Gesicht des Nationalsozialismus“, oder auch „Göring, der nichts gegen Juden hat und vielleicht nicht mal ein ,richtiger’ Nationalsozialist ist“.

Molitors Vater hatte sich mit 17 Jahren freiwillig und voller Stolz zur „Division Hermann Göring“ gemeldet. Er respektierte „den Hermann“ – anders als Hitler und die anderen führenden Nazis – sein Leben lang. Und Molitors Großvater mütterlicherseits hatte sich als SA-Truppführer von Göring zu Folter und Gewalt aufpeitschen lassen.

„Tatsachen zugeben, aber gleichzeitig bestreiten“

Am 20. März 1946 befasste sich die Nürnberg-Berichterstattung dann unter anderem mit Görings Rechtfertigung für den „Anschluss“ Österreichs an Deutschland entgegen vertraglicher Abmachungen beider Länder. Ein „Wechsel der Verhältnisse“ habe dazu geführt, sagte Göring.

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Sein eigenes Ehrenwort 1938 gegenüber dem Berliner Gesandten der bald darauf okkupierten Tschechoslowakei, „daß Deutschland keinerlei feindselige Absichten gegen dieses Land hege“, wischte Göring „ohne die geringste Verlegenheit“ mit der Erklärung vom Tisch, „nur ein Narr habe ein solches Ehrenwort für eine langfristige Bindung halten können“.

Die Strategie laut Tagesspiegel-Analyse: „Tatsachen zwar zugeben, aber gleichzeitig bestreiten.“ Und hier finden Sie auch die Seite mit diesem Artikel aus unserem digitalen Archiv.

Tagesspiegel vom 20. März 1946

„Wenn man Görings Rede in Nürnberg aller oratorischen Floskeln entkleidet, so bleibt folgender Kern übrig: Internationale Verträge und feierliche Zusicherungen waren für das Hitler-Regime nicht bindend; gebrochene Ehrenwörter und falsche Telegramme waren ein legales Mittel und Instrument der Hitlerschen Diplomatie; Nichtangriffs-Abkommen mußten nur so lange geachtet und eingehalten werden, als man sich nicht stark genug fühlte, sie offen zu brechen. Und die Einschüchterung friedlicher Nachbarn durch Anwendung von Drohungen und Gewalt gegen unabhängige Länder war in den Augen der Nationalsozialisten und in denen ihrer Anhänger und Helfer nicht etwa ein völkerrechtswidriger Angriff, sondern eine selbstverständliche Methode zur Stärkung und Ausdehnung des ,Dritten Reiches’.“

Hermann Göring wird in Nürnberg in allen Anklagepunkten – Verschwörung, Verbrechen gegen den Frieden (Angriffskrieg), Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit – schuldig gesprochen und wie elf weitere führende Nazis zum Tod durch den Strang verurteilt.

Der Strafe entzieht er sich, wie zuvor schon sein „Führer“ und Idol, durch Suizid.


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