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Krieg gegen die Hisbollah: Israels Vorgehen ist verständlich – und ein Fehler

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Die Hisbollah ist eine terroristische Organisation. Seit Jahren verübt die Miliz an vielen Orten der Welt Anschläge. Auf Befehl der Herrscher in Teheran destabilisiert sie den Nahen Osten. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, die „Zionisten“ mit Waffengewalt zu bekämpfen.

Die Fahne der libanesischen Islamisten zeigt denn auch auf gelbem Hintergrund ein stilisiertes grünes Sturmgewehr vom Typ Kalaschnikow. Die Botschaft könnte nicht eindeutiger sein: Israel soll vernichtet werden.

Das sind alles handfeste – und nachvollziehbare – Gründe für den jüdischen Staat, gegen die Hisbollah vorzugehen. Schon mehrfach hat das Land in den vergangenen Jahrzehnten deshalb Krieg geführt. Ruhe hat das weder Israelis noch Libanesen gebracht.

Christian Böhme leitet das Ressort Internationale Politik. Er ist sicher, dass sich die Hisbollah nicht wegbomben lässt. Die Libanesen müssen sich selbst aus der Gefangenschaft der proiranischen Miliz befreien.

Jetzt wird wieder geschossen, gebombt und gestorben. Israel schickt zudem für einen „begrenzten“ Bodeneinsatz Soldaten in den Kampf. Es könnte dieses Mal also besonders schlimm werden, gerade für die geschundenen und leidgeprüften Menschen im Libanon.

Denn die Regierung in Jerusalem mit Premier Benjamin Netanjahu an der Spitze glaubt offenbar, die Gelegenheit sei günstig, die Dauerbedrohung an der Nordgrenze im Zuge des Iran-Kriegs endgültig zu beseitigen. Mit aller Macht und allen Mitteln. Doch schon die ersten Gefechtstage haben gezeigt: Die Hisbollah ist längst nicht so geschwächt, wie viele annahmen oder hofften.

Sie verfügt trotz zahlreicher israelischer Angriffe auf diverse Stützpunkte und Waffenlager noch über Schlagkraft, kann täglich Dutzende Raketen und Drohnen auf Israel abfeuern. Auch Teile der Befehlskette scheinen nach den Pager-Attacken im September 2024 auf die Führungskader wieder zu funktionieren.

Mit Bomben allein wird die Hisbollah nicht zu besiegen sein.

Mit Bomben allein wird die Hisbollah nicht zu besiegen sein.

Es dürfte also für Israel ein mühsamer Kampf werden, der viel militärischen Aufwand erfordert und wenig Vorteile verspricht. Im Gegenteil – er könnte Israel am Ende mehr schaden als nutzen.

Denn mit Bomben allein wird die Hisbollah nicht zu besiegen sein. Sie verheeren nur das Land, töten oder vertreiben Frauen, Kinder und Männer, die nichts mit diesem Konflikt zu tun haben. Das verursacht Wut, auf der sich keine Stabilität gründen lässt, geschweige denn so etwas wie halbwegs friedliche Zeiten.

Ohne eine umfassende Bodenoffensive ist die Bedrohung durch die Miliz nicht aus der Welt zu schaffen. Aber das hieße, auf längere Zeit an einer weiteren Front zu kämpfen.

Dabei hat Israel schon mit dem Iran und der Hamas in Gaza genügend militärische Herausforderungen zu meistern. Und: Was kommt nach der Bodenoffensive?

Eine Bodenoffensive – und was dann?

Will die Führung in Jerusalem die Gefahr beseitigen, müssten große Teile des Libanons besetzt werden – nicht für Wochen oder Monate, sondern jahrelang. Selbst das könnte wohl nicht verhindern, dass sich die Hisbollah für den nächsten Waffengang neu aufstellt.

Das hieße, Israel bleibt auf unabsehbare Zeit ein Land im Kriegsmodus. Dieser Ausnahmezustand überfordert nicht nur die Streitkräfte und die Wirtschaft, sondern auch die Gesellschaft. Immer mit der Waffe in der Hand – das verkraftet kein demokratisches Gemeinwesen.

Aus der Gefangenschaft selbst befreien

Nicht zu vergessen: Das Bild Israels als selbstherrliche Großmacht des Nahen Ostens, die aufgrund ihrer militärischen Überlegenheit anderen ihren Willen mit Gewalt aufzwingt, würde nur jenen zupasskommen, die den jüdischen Staat ohnehin verdammen und an den Pranger gestellt sehen wollen.

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Ja, die Hisbollah muss bekämpft werden. Danach braucht es rasch eine Feuerpause, die diesen Namen verdient – dafür ist es unerlässlich, dass die Miliz endlich ihre Waffen abgibt und entmachtet wird.

Aber das ist Aufgabe der Libanesen. Sie sind seit Jahrzehnten Gefangene der Hisbollah, die Unglück über ihr Land bringt. Diese Geiselnahme muss endlich ein Ende haben. Damit wäre allen gedient.


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