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Marc Brandenburg zeigt in Berlin düstere Zeichnungen der Gegenwart

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17.04.2026

Der Mann streift durch die Großstädte und liest die Trümmer der Moderne auf. Marc Brandenburg,  Sohn einer Deutschen und eines in West-Berlin stationierten afroamerikanischen US-Soldaten, fotografiert, zeichnet, collagiert, filmt. Er macht alles, was er erlebt und beobachtet, zu Bildfragmenten, mal stillen, mal bewegten: Landschaft, Urbanes, Nachtgestalten, Partygänger, Protestler, Polizei, Linke, Rechte, Anarchos, Gewalt.

Das Extreme ist dem Berliner, Jahrgang 1965, gewissermaßen Pflicht. Er balanciert wie ein Seiltänzer zwischen den Medien, zwischen Profanem und Artifiziellem, zwischen Alltag und Politik. Seinen bürgerlichen Namen kennt man nicht. Brandenburg ist sein Künstlerpseudonym (das längst im Personalausweis steht). Er wählte den Namen als Gruß an Fontane und Bekenntnis zur Landschaft außerhalb der geteilten und wiedervereinten Stadt. Zwar lebte er als Kind von 1968 bis 1977 in Übersee, der Heimat seines schwarzen Vaters. Aber Berlin und die Mark Brandenburg sind sein Zuhause, von dem aus er in alle anderen Landschaften und Himmelsrichtungen aufbrach.

Ins Nachtleben von Barcelona, London zum Beispiel, das er dschungelartig und monochrom mit Bleistift zeichnet, nicht dokumentiert, aber sampelt. Manchmal scheint sich alles aufzulösen, dann wieder zu verdichten in einer Sicht auf die verstörende Realität der Krisen und Kriege, der verlorenen Gewissheiten und Werte. Als da waren: Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Respekt, Toleranz, Gerechtigkeit, Integrität und Solidarität. „Ich glaube, Verwirrung zu stiften, ist ein wichtiger Antriebsmotor, der zum Nachdenken bringt“, so Marc Brandenburgs lakonischer und doch auch konstruktiver Kommentar.

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Die Bruchstücke der schillernden kapitalistischen Verheißungen, die Lüge von unbegrenzten Freiheiten und Möglichkeiten, hat er früh erkannt. Es war die Zeit von Kippenberger und Christiane F., mit der Marc Brandenburg eine Zeit lang in einer Wohngemeinschaft lebte. Er arbeitete als Modedesigner mit Szenelegenden wie Claudia Skoda und Tabea Blumenschein zusammen. 1988 trat er mit der Band Tödliche Doris sogar in Ost-Berlin auf. Und 1993 schuf er fürs Künstlerhaus Bethanien als Reaktion auf die fremdenfeindlichen Ausschreitungen der Rechtsradikalen 1992 in Rostock-Lichtenhagen die Serie „Tarnpullover für Ausländer“.

Seine detailliert ausgearbeiteten Bleistiftzeichnungen nach Fotos formt Brandenburg, der Berghain-Gänger und Berghain-Maler, zu Figuren aus der Subkultur und der Konsumwelt. Immer mal wieder tauchen auch Ikonen der Popgeschichte auf. Die Zeichnung wird zur Negativform: So wird Dunkles hell und Helles dunkel, wirkt hart wie geformter Stahl, egal ob Pflanze, Baum, Blatt oder menschliche Haut.Tief in Schwarzlicht getaucht, zeigt der Künstler seine neue „Tiergarten-Serie“. In diesen horizontal an die Wand montierten Berliner Parkansichten aus der schwulen Cruising Area schafft der einstige Punk und Türsteher der Disco „Dschungel“ eine schier manische und fast gespenstische Bilderflut. Das Stakkato und die Verschlingungen der Linien, die wie tanzenden Strichbündel und Kri­ckel­kra­kel, verfremden die erotische Szenerie.

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Alles ist verbunden zu filmartigen Sequenzen, aber verzerrt herangezoomt. Dann abrupte Kameraschwenks, ab und an Selbstporträts mit bizarren Maskierungen. Das Künstlerdasein erscheint im Kontext zur Popkultur, zur schwarzen Identität, zur Homosexualität, zur Abwehr von Hass und Verachtung. Vieles aus dieser Werkserie „Meddle“ (Mischen) ist verwirbelte Erinnerung, erzählt von kollektiver Trance. Die Blätter sind prall von sozialer Wirklichkeit, von Spannungen zwischen Überfluss und Prekärem. Doch dieser Zeichner klagt nicht an und wertet nicht: Brandenburg konstatiert nur. Dabei vermeidet er lineare Erzählstränge. Alles passiert in einer düsteren, melancholischen Atmosphäre, die das Gefühl einer permanenten Krise widerspiegelt. Den unheilvollen Exzess des Turbokapitalismus, der Millionen Existenzen zerstört.

170 Zeichnungen, Videos, Tattoo-Motive und Fotos hat die Kuratorin Ilka Voermann in drei Haupthallen der Berlinischen Galerie ausgebreitet: frühe Arbeiten, die kaum öffentlich zu sehen waren, neben ganz neuen Zeichnungen, Schwarzlicht-Performances, Körperfotos. Die düsteren Bleistiftzeichnungen halten alltägliche, flüchtige, auch beiläufige Motive fest. Und immer wieder Nachtgestalten: Club-Tableaus, Szenen aus der schwulen Subkultur, Freunde, kostümierte Demonstrationszüge, Polizei, Müll, Graffiti, Fetische. Der Künstler wird zum menschlichen Kopierer sozialer Situationen und Zustände.

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Er versucht, zum „Bändiger der Bilderflut“ zu werden, bearbeitet die fotografischen Vorlagen auch am Computer, zieht blauschwarze Schlieren über Gegenstände und Figuren, fast bis zur Unkenntlichkeit, mit dem Ziel der karnevalesken Deformation. Das verursacht bisweilen eine Art Hirnsturm. Brandenburg zeigt ein  manieristisch verzerrtes, vulgär zugespitztes Bild der Gesellschaft.

Dies indes mit einem umwerfenden Humor, der vermutlich mit der Reife des inzwischen 60-jährigen einstigen Punks gewachsen ist. Im hinteren, lichthellen Saal, ohne jeden Schwarzlicht-Schatten, kleben an Wänden einander gegenüber zwei monumentale Körperfotocollagen. Die beiden Mannsbilder tragen lediglich (jene schon von Pasolinis Protagonisten und auch von Marlon Brando ins Klassische erhobenen) Doppelrippschlüpfer. Ansonsten ist ihre Haut markiert mit Tattoos: Antifa-Symbole, Zeichen für Liebe und Lust sowie Chiffren und Worte, die nicht jeder zu deuten vermag. Etliche enden mit „...ismus“, wie für Anarchismus, Kapitalismus, Sozialismus, Existenzialismus, Feminismus. Der Wortanfang verschwindet in einer hübschen Hautfalte. Und manches macht ausgesprochen gute Laune: „Nazis essen heimlich Döner“.

Marc Brandenburg: 20th Century Debris. Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128. Geöffnet ab 17. April bis 19. September, Mi–Mo 10–18 Uhr. Begleitprogramm/Tattoo-Workshops:  www.berlinischegalerie.de


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