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Kunst unterm Hakenkreuz: Als Otto Dix in die Landschaftsmalerei emigrierte

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28.03.2026

Sonderbar, dass man vor diesen Bildern von 1933 bis 1945 ganz fern den Widerhall eines markanten Ausspruchs des Malers Otto Dix zu vernehmen glaubt: „Entweder ich werde berüchtigt oder berühmt!“ So ganz anders malte da der 1920er-Jahre-Star der Neuen Sachlichkeit. Er malte in der „Inneren Emigration“, es waren die dunklen Jahre unterm Hakenkreuz.

Im Chemnitzer Museum Gunzenhauser der Staatlichen Museen der sächsischen Kulturhauptstadt des vergangenen Jahres stehen wir vor zwar erhabenen, zugleich bedrückenden Landschaften: bedrohliche Naturmotive von eisigen Bergmassiven, schweigenden Wäldern und kalten Monden, von mystisch-melancholischen Seen, brennenden Himmeln, dramatischen Wolkenbänken. Und biblische Szenen. So mit dem Heiligen Christophorus, Nothelfer und Schutzheiliger der Reisenden, der Nomaden, der Migranten. Alles ist ausgeführt in aufwendiger Lasurtechnik, deutlich angelehnt an die dramatische Wucht der altdeutschen Tafelmalerei nach 1500, an Grünewald, Altdorfer, Dürer, Baldung Grien, Cranach.

Was war passiert mit Otto Dix, geboren 1891 in Gera-Untermhaus, Ostthüringen, gestorben 1969 in der Vulkanlandschaft nahe dem Bodensee? Was brachte diesen kühnen, futuristischen Expressionisten, den Westfront-Soldaten ab 1915 und daher Maler der stärksten Antikriegsbilder aller Zeiten, („Flandern“, „Der Krieg“, „Skatspieler“, „Kriegskrüppel“ usw.), den gesellschaftskritischen Sezierer der politischen Zustände zu solch scheinbar romantischen, biblisch- apokalyptischen Verweisen?

„Wehrzersetzung“ würden seine Bilder auslösen. Und sie würden den „sittlichen Wiederaufbau“ der völkischen Nation gefährden. Also jagten ihn die Nazis 1933 als ersten Kunstprofessor aus dem geliebten Lehramt an der Dresdner Kunsthochschule und aus der Preußischen Akademie der Künste. 270 Werke wurden aus öffentlichen Sammlungen entfernt, etliche auf der Schandausstellung „Entartete Kunst“ in München verhöhnt. Um das Malerverbot zu umgehen, setzte Dix in den Ateliers seiner „Inneren Emigration“ in Hemmenhofen am Bodensee diese merkwürdigen Motive auf die Leinwände. Die Kunstgeschichte attestiert dies als Reflexion der schlimmen politischen Verhältnisse und der persönlich erlebten Stigmatisierung, als Rückzug, Abschottung. Ja: auch als Anpassung.

Die Gemälde aus dieser Phase werden in den großen Dix-Ausstellungen eher außen vor gelassen. Als passten sie nicht in die Erzählung vom deutschen Moderne-Genie, dem Expressionisten, Veristen, Kritischen Realisten, der unter Hitler ins anscheinend unverfängliche Natur-Sujet geflüchtet war, um der Repression als „Kulturbolschewist“, der Zensur, gar dem Malverbot zu entgehen.

Dix flüchtete ins Metaphorische: Landschaften, biblische Szenen. Doch scheint die Apokalypse, der Zivilisationsbruch, der abermalige Weltkrieg durch. Und der Verlust des inspirierenden Großstadtlebens: Berlin, Dresden. Das Kultur- und Gesellschaftstreiben, in dem Dix ein Mittelpunkt war, Ausstellungen, intellektuelle Gespräche, Dispute mit Kollegen, die Jazzkeller, in denen er den aus den USA importierten, dann von den Nazis verbotenen Shimmy tanzte.

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Die idyllische Landschaft am Bodensee, in die er sich mit Ehefrau Martha und den drei Kindern unfreiwillig zurückgezogen hatte, verschaffte ihm keinen inneren Frieden, kein Vergessen der Gräuel des Tausendjährigen Reiches, sondern eher Albträume und Ängste, die er im Atelier auf die Leinwände setzte, um sie loszuwerden. Wohl deshalb dieses Zitat: „Alle Kunst ist Exorzismus. Ich male auch Träume und Visionen; die Träume und Visionen meiner Zeit. Malen ist das Bemühen, Ordnung zu schaffen; Ordnung in dir selbst. Es gibt viel Chaos in mir, viel Chaos in unserer Zeit.“ Und so malte er furchteinflößende Naturelemente: Stürme, abgestorbene Bäume und seltsame Lichtverhältnisse, wie in „Düstere Landschaft“ oder „Selbstporträt mit maskierter Tänzerin“. Das waren nicht bloß Fiktionen, sondern Indizien für sein tiefstes Unbehagen.

Das Düstere der Gegenwart kommt zum Vorschein

Als vergleichsweise liberale Kunstkritiker sich in den gleichgeschalteten Zeitungen sich zu Dix’ motivischem Wandel äußerten (es gab noch vereinzelt private und minimal öffentliche Bilderankäufe), hieß es, der Maler sei „vor der Natur genesen“. „Das Schwarze Korps“, Organ der Reichsführung SS, setzte entgegen, man habe da wohl „den Versuch unternommen, den Maler der Antikriegsbilder, die den deutschen Frontsoldaten, die deutschen Kriegs­opfer verhöhnten, die Familien in den Dreck zögen, zu rehabilitieren“.

Wahr ist, dass in Dix’ neuem „altdeutschen“ oder auch „romantischen“ Stil nicht das bislang Schneidende, Obszöne, Groteske, also Dix-Typische zum Vorschein kommt, sondern das Bedrückende, Beklemmende, Düstere der Gegenwart. Die Landschaft war ihm Mittel des Über­lebens als Maler in der Repression und Zensur. „Nein, Künstler sollen nicht bessern und bekehren. Sie sind viel zu gering. Nur bezeugen müssen sie“, so ein weiteres Dix-Zitat.

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Alfred Gunzenhauser, Kunstsammler, Galerist und Mäzen aus München (1925–2015), kaufte ausgerechnet diese ambivalenten Dix-Landschaften und biblischen Sujets der Jahre 1933 bis 1945 für seine in 50 Jahren zusammengetragene riesige Privat-Kollektion, eine der bedeutendsten Moderne-Sammlungen in Deutschland (Wert etwa 200 Millionen Euro). Er überließ sie großmütig schon 2007 den Kunstsammlungen Chemnitz. Auch aus Sympathie für die Stadt, aus welcher der Brücke-Expressionist Karl Schmidt-Rottluff stammte. Die kostbaren Konvolute des Sammlers wurden der Grundstock des Museums Gunzenhauser, untergebracht in einem Gebäude von 1930 im Stil der Neuen Sachlichkeit.

In einem zentralen Saal des Hauses sind die Hemmenhofener Bilder versammelt und korrespondierend dazu Bilder der Neuen Sachlichkeit aus der Gunzenhauser-Sammlung; mit Motiven von Dix sowie seiner Zeitgenossen Karl Hubbuch, Georg Schrimpf, Alexander Kanoldt, Max Peiffer-Watenphul und Gustav Wunderwald.

Die Sehnsucht, im geteilten Deutschland zu vermitteln

Otto Dix zog nach Kriegsende nicht mehr zurück, weder nach Berlin noch nach Dresden. Aber er hatte ein zutiefst menschliches Anliegen, als er zusagte, sich 1955 in die Akademie der Künste West und bald darauf auch in die AdK Ost als Mitglied berufen zu lassen. Das klingt, vor dem Hintergrund des aufkommenden Kalten Krieges, nach der Sehnsucht, zu vermitteln, zu befrieden. Er wagte den Spagat, wollte aber seine Unabhängigkeit wahren.

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Und so reiste er, schon kränklich, aus Hemmenhofen an, als Dresdens Kunstsammlungen sein weltberühmtes Altar-Triptychon „Der Krieg“ von 1932 zunächst als Dauerleihgabe erhielten und später ankauften. Dieses Werk, eines der ikonischen Bilder in der Dresdner Galerie Neue Meister im Albertinum, lässt einem fast den Atem stocken mit seiner universellen Brisanz, Aktualität und schmerzhaften Optik im Blick auf derzeitige Kriege, in Europa, im Nahen und Mittleren Osten.

Otto Dix. Kunstsammlungen Chemnitz, Museum Gunzenhauser, Stollberger Straße 2. Bis 31. Mai Mi–So/Feiertag 11–18 Uhr Führungen info.kunstsammlungen@stadt-chemnitz.de


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