Zum 40. Jahrestag von Tschernobyl: ÖRR zeigt drei Dokus zum Super-Gau von 1986
Die Soldaten nannten sich „Bioroboter“. Mit Schaufeln mussten sie im Herbst 1986 kontaminierte Trümmer vom Dach des Reaktors in Tschernobyl räumen. Ferngesteuerte Technik hatte vor den Strahlen kapituliert. Die Soldaten hetzten mit Bleiwesten und Atemschutzmasken über das Dach und kehrten nach spätestens einer Minute zurück. Danach bekamen sie eine Urkunde überreicht und antworteten stramm: „Ich diene der Sowjetunion!“
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Diese erschütternden Filmaufnahmen werden in allen Dokumentationen eingesetzt, die sich dem 40. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl widmen. ARD, ZDF und ARTE zeigen insgesamt sieben Stunden Film über den „Super-GAU“ – vieles doppelt sich. Paralleles Arbeiten zum selben Thema ist hier immer noch üblich.
Als Atomkraft noch eine strahlende Zukunft verhieß
Den umfassendsten Überblick gibt der ZDF-Vierteiler „Tschernobyl - Die Katastrophe“. Der Film von Dirk Schneider und Ariane Riecker setzt schon in den 1960er Jahren ein, als die Atomkraft noch eine strahlende Zukunft verhieß. Die erste Folge „Paradies“ zeigt den Aufbau der sozialistischen Musterstadt Pripjat unweit des Atomkraftwerks. Zu den jungen Enthusiasten gehören der Kraftwerksingenieur Nikolai Steinberg und die Architektin Maria Protsenko. Beide spielen nach dem Super-GAU vom 26. April 1986 eine besondere Rolle: Steinberg kehrt nach Tschernobyl zurück, leitete den Aufbau des „Sarkophags“ und die Wiederinbetriebnahme eines unzerstörten Reaktorblocks – und er führte später die Unabhängige Kommission, die nachwies, dass der Unfall nicht auf Bedienfehler der komplett unvorbereiteten Mannschaft zurückging.
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Chefarchitektin Protsenko erlebte, wie die Bevölkerung von Pripjat noch Tage nach dem Unfall nicht informiert wurde – sie leitete dann die komplette Evakuierung der Stadt. Der ZDF-Vierteiler führt wichtige Augenzeugen und Bilder zusammen und illustriert mit Videos, warum der Kraftwerkstyp RBMK beim Herunterfahren Probleme bekam und schließlich explodierte. Zugleich rechnen Beteiligte wie Steinberg, der heute in Israel lebt, und Maria Protsenko, die nach Deutschland flüchtete, mit dem Systemversagen der Sowjetunion ab, die keine Diskussion über Probleme zugelassen hatte. Erst auf Druck und viel zu spät informierte sie über den Gau und schickte dann rund eine halbe Millionen „Liquidatoren“ in einen heldenhaften, oft unsinnigen Kampf, der viele früh sterben ließ.
Genauso informativ ist der dreiteilige „Insiderbericht“ auf ARTE, produziert von den englischen Autoren Erica Jenkin und Tom Cook. Zu den Insidern gehören nicht nur Nikolai Steinberg und Maria Protsenko, sondern CIA-Experten, die über Satellitenaufnahmen früh vom Ausmaß der Katastrophe wussten. Zu Wort kommt ein Hochzeitspaar, dass am Tag nach der Katastrophe in Pripjat heiratete, und ein Oberleutnant der Armee, der eindringlich schildert, wie er als „Bioroboter“ kontaminierte Trümmer schippte. Auch diese Dokureihe zeigt das Systemversagen der Sowjetunion, dem auch der neue Generalsekretär der KPdSU Michail Gorbatschow machtlos gegenüber stand. Wenige Tage nach dem Unglück wurden in Moskau und Kiew pompöse 1.Mai-Demonstrationen abgehalten. Ausgerechnet die Überlebenden der Bedienmannschaft wurden dann vor Gericht gestellt – eine Historikerin spricht vom letzten „Schauprozess der Sowjetunion“.
Gefahren in der DDR untertrieben, in der BRD übertrieben
Ganz ohne Interviews arbeitet die ARD-Doku von Volker Heise. Sein Film über den „Super-GAU“ stellt die medialen Reaktionen in Deutschland ins Zentrum – in Ost wie West. Eine Ärztin von der Insel Rügen erklärt im Westfernsehen, in der DDR wären die Gefahren untertrieben, in der BRD aber übertrieben worden. Nachrichtenbilder von 1986 zeigen, wie in Bayern massenhaft Gemüse vernichtet wird und Mütter panisch in die Kameras schreien. Boris Jelzin als Chef der Moskauer Kommunisten protestiert beim Besuch der DKP in Hamburg gegen die „antisowjetische Hysterie“, auch Karl-Eduard von Schnitzler rechnet im „Schwarzen Kanal“ mit westlichen Kampagnen ab. Während Innenminister Friedrich Zimmermann von der CSU eine Gefährdung der Bevölkerung ausschloss, plädierte Hessens grüner Umweltminister Joschka Fischer für einen deutschen Alleingang beim Atomausstieg und nannte die Betonung der Sicherheit deutscher Reaktoren „eine zivile Fortsetzung des deutschen Wunderwaffenglauben“. Viele Argumente klingen sehr aktuell.
Tschernobyl – Der Super-GAU (90 Minuten, Mo, 13.4., 23.05 Uhr, ARD + Mediathek)
Tschernobyl – Der Insiderbericht (3 Teile je 50 Minuten, Die, 14.4., 20.15 Uhr, ARTE + Mediathek)
Tschernobyl – Die Katastrophe (4 Teile je 45 Minuten in der ZDF Mediathek)
