Reinhard Lakomy 1983 im Palast der Republik: Warum sein elektronisches Konzert jetzt wieder gefeiert wird
Die Landschaft an Tasteninstrumenten, die Reinhard Lakomy im Mai 1983 im Großen Saal des Palastes der Republik um sich herum aufgebaut hatte, war gewaltig. Ein Instrument, groß wie ein Schrank, hatte einen ganz besonderen Weg hinter sich: Den großen Moog-Modul-Synthesizer hatte Erfinder Robert Moog Ende der Sechzigerjahre für die Rolling Stones gebaut, doch die brachten das Teil nicht zum Klingen. In den Siebzigerjahren gelangte dieser spezielle Moog über das West-Berliner Hansa-Tonstudio in die Hände des Elektronikprojekts Tangerine Dream, die ihn 1980 zu ihrem Auftritt mit in den Palast nach Ost-Berlin brachten. Reinhard Lakomy, der sich immer tiefer in elektronische Klänge versenkt und den damals noch raren Auftritt einer westlichen Band mitvermittelt hatte, fiel auf, dass sie ihn live kaum benutzten. Er kaufte ihnen den legendären „Mick-Jagger-Moog“ ab und holte ihn in sein Blankenburger Tonstudio.
Als er gut drei Jahre später selbst mit elektronischer Musik den Großen Saal bespielen sollte, war das Interesse riesig. Denn Reinhard Lakomy hatte einen besonderen Ruf im Osten. In den Siebzigerjahren hatte der Pianist und Komponist mit seinem Ensemble vier Platten aufgenommen. Alle seine Hits wie „Es war doch nicht das erste Mal“ und „Heute bin ich allein“ sang er selbst, auch seine Duette mit Angelika Mann wurden sehr populär.
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Doch im Laufe der Jahre wurde er der permanenten Touren mit zwanzig Auftritten im Monat überdrüssig, Wiederholungen langweilten ihn, zudringliche Fans nervten ihn. „Ich bin kein bühnengeiler Typ“, bekannte er später im Interview bei „Rock aus erster Hand“. Für Angelika Mann suchte er noch eine neue Band, um mit gutem Gewissen aus der Tourmühle auszusteigen und sich ganz dem Komponieren zu widmen.
Die Bandbreite seiner Werke erstaunt bis heute. Nur die Puhdys haben zu DDR-Zeiten noch mehr Alben herausgebracht. Lakomy schuf zusammen mit seiner Frau Monika Ehrhardt nicht nur die immens erfolgreichen Kindermusicals um den „Traumzauberbaum“ und die Kinderrevuen für den Friedrichstadtpalast, sondern brachte parallel Elektronikalben heraus. Dabei stellte er sich dem Vergleich mit Künstlern wie Jean-Michel Jarre, Mike Oldfield und Vangelis, die allesamt in der DDR auf Amiga-Platten erschienen.
Von Tangerine Dream kam ein von ihnen bearbeiteter Mitschnitt ihres Ost-Berliner Auftritts heraus. Dass Lakomys erstes Elektronik-Album „Das geheime Leben“ 100.000 Mal verkauft wurde, zeigt, dass die Elektronik-Fans im Osten ihn für konkurrenzfähig hielten. „Ob Kinderlied von knapp zwei Minuten oder elektronische Stücke mit über zwanzig Minuten, der Klangzauberer Lacky komponierte immer mit derselben Besessenheit“, erinnert sich Monika Ehrhardt. Das erste Kindermusical vom Traumzauberbaum war noch mit einem Sinfonieorchester eingespielt worden; spätere Alben nahm Lakomy im Alleingang mit seinem elektronischen Instrumentarium auf.
Dabei waren die Synthesizer, Keyboards und ein Mellotron nicht einfach nur ein Ersatz für traditionelle Instrumente. Auf der Suche nach neuen, eigenen Klängen knüpfte Lakomy Kontakte zu Ingenieuren und Wissenschaftlern und brachte sich selbst ein, etwa bei frühen Computerprogrammen zu Spracherkennung und einem Notenschreibprogramm. Für den Austausch durfte er in den Westen reisen, doch den Vorschlag von Tangerine Dream, für eine Australien-Tour bei ihnen einzusteigen, musste er ablehnen.
Anders als DDR-Kollegen wie Pond um Wolfgang „Paule“ Fuchs, die erfolgreich ihre Stücke auf Radiolänge brachten und mit ihnen auf Tour gingen, hatte Reinhard Lakomy kein Interesse an Radiohits und Touren, sondern suchte für Auftritte einen besonderen Rahmen, wie im Großen Saal des Palastes der Republik. Sein Konzert am 26. Mai 1983 sollte die größte Präsentation seiner elektronischen Klänge werden. Der Mitschnitt wurde bei DT 64 ausgestrahlt und verschwand dann im Rundfunkarchiv. Und fast 43 Jahre später erscheint er nun auf Platte und CD.
Monika Ehrhardt hat seit dem frühen Tod ihres Mannes im Jahr 2013 sieben neue Bühnenshows für das Reinhard-Lakomy-Ensemble geschrieben, unter anderem 2025 auch ein Kindermusical mit 45 Aufführungen für den Krystallpalast in Leipzig. Sie kümmert sich auch um die Neuauflagen und den Nachlass seiner Electronics, hat ein Label und einen Musikverlag gegründet und versuchte jahrelang, die Lizenzen für das 83er Konzert zu bekommen.
Doch die Summen, die Programmverwerter rbb media für den Mitschnitt aus dem Deutschen Rundfunkarchiv aufrief, erschienen ihr utopisch hoch. Erst zu Lackys 80. Geburtstag bekam Monika Ehrhardt zu annehmbaren Konditionen die Rechte für die Komposition ihres Mannes. Mit dem Hamburger Vertriebspartner Broken Silence hatte sie schon 2019 drei Alben neu herausgebracht. Nun erscheint in dieser Konstellation auch das „Palast Konzert“. Das Interesse ist da: Die geplante Auflage war schon durch Vorbestellungen komplett vergriffen, es wird schon nachgepresst. Auch eine Tausender-CD-Auflage kommt an den Start.
Von Computerdrums strukturierte Klänge
Beim Stück „Am Anfang“, das die erste Seite einnimmt, spielt Lakomy allein, entlockt seinem Instrumentarium zunächst zirpende, glucksende Tonimpressionen, die übergehen in schwellende, von Computerdrums strukturierte Klänge mit großen Melodiebögen. Die B-Seite wird bestimmt von einem energiegeladenen, treibenden Duett mit dem Saxofonisten Andreas Bicking, der damals die Band von Angelika Mann leitete, später für Veronika Fischer und Uschi Brüning arbeitete. „Solitaire“ zeigt, dass Lakomy kein Sinfoniker werden wollte, sondern sein Faible für Jazzrock bewahrt hatte.
Für die Record-Release-Party kam natürlich nur ein Ort in Frage: Die Böse-Buben-Bar unweit vom S-Bahnhof Friedrichstraße. Lakomy-Fans wissen, woher der Name stammt: Aus Lackys Hit „Heute bin ich allein“. „Heute gehen wir alle in die Böse-Buben-Bar und dort bestell’n wir uns ein riesengroßes Fass, da war ich das letzte Mal vor einem Jahr, steht denn das Billard noch, darauf war ich ein As“.
Ein As war Lakomy auch auf Instrumenten wie dem großen Moog-Modulator, dessen einzelne Module die Lakomys aber Ende der Achtzigerjahre verkauften. In das große Tonstudio in Blankenburg zog nach seinem Tod die Reinhard-Lakomy-Kita ein, so hatte es sich der Klangzauberer gewünscht. Heute ist es wieder ein Studio und der Probenraum für das Reinhard-Lakomy-Ensemble.Reinhard Lakomys „Palastkonzert“ erscheint am 27. März bei Broken Silence.Die Record-Release-Party steigt am 26. März ab 20 Uhr in der Böse-Buben-Bar in der Marienstraße 18.
