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„Elon hatte nicht nur Tesla im Sinn“: Autopapst Dudenhöffer über das Werk in Grünheide

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Tesla hat die deutsche Autoindustrie mächtig unter Druck gesetzt. Das Unternehmen aus den USA zwang die etablierten Konzerne in den vergangenen Jahren zum schnellen Umbau. Volkswagen, BMW und Co. mussten ihre Entwicklungszyklen für Elektroautos deutlich kürzen. Sie brauchten dringend neue, rein elektrische Fahrzeugarchitekturen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Auch wenn Experten Teslas Innovationskraft heute kritisch sehen, rüttelte dieser Weckruf die deutsche Autobranche wach und richtete sie auf den globalen Technologiewandel aus.

Von dem US-Konzern gingen laut Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Center Automotive Research in Bochum, sehr wichtige Impulse für die Autoindustrie aus. Er sieht in Tesla den „Erfinder des modernen Elektroautos“ und zieht das schlichte Fazit: „Tesla hat die Branche bewegt.“

Der Verkaufsstart in Deutschland lag um das Jahr 2013 mit dem ersten Model S. Damals agierte Tesla als echter Innovator. Dudenhöffer analysiert, dass dies den Antrieb, die Batterie und die Fahrzeugtechnik betraf. Dazu gehörten Software-Updates über das Mobilfunknetz, der große Bildschirm im Innenraum, aber auch das Produktions- und Vertriebssystem sowie die eigene Schnellladeinfrastruktur. Ein Symbol dieser Fertigungstechnik ist das sogenannte Giga-Casting. Gigantische Pressen formen mit einer Schließkraft von bis zu 6000 Tonnen ganze Karosserieteile aus flüssigem Aluminium. Das Verfahren soll Zeit und viele einzelne Bauteile sparen.

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Brandenburgs neue Industrierealität

Für Brandenburg bleibt das Werk ein wichtiger Wirtschaftsmotor. Der Einfluss reicht weit über die Fabriktore in Grünheide hinaus. Die Ansiedlung hat die früher eher strukturschwache Region stark verändert und treibt Investitionen im Landkreis Oder-Spree an. Die Produktion für den europäischen Markt beschleunigte Brandenburgs Wandel zu einem echten Exportland. Das erhöht die regionale Wirtschaftskraft, was sich unter anderem in der deutlich gestiegenen Exportquote widerspiegelt.

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) beziffert die Exportquote der märkischen Industrie für das Jahr 2024 auf den Rekordwert von 48,7 Prozent. 2025 lag die Arbeitslosenquote im Land bei 6,4 Prozent. Rund um das Autowerk siedelten sich zudem weitere Firmen aus der Elektromobilität an. Das Unternehmen BASF in Schwarzheide betreibt Anlagen für Batteriematerialien sowie eine Batterierecycling-Anlage, während Microvast in Ludwigsfelde einen Standort für Batteriesysteme aufbaut. Die Gemeinde Grünheide richtet sich fest auf die Industrie ein. Die Deutsche Bahn soll Mitte August 2026 den verlegten Bahnhof Fangschleuse direkt am Werksgelände eröffnen. Die Projektleitung der Bahn rechnet dann mit rund 16.000 Reisenden pro Tag.

Grafik: BLZ. Quelle: Bundesagentur für Arbeit

Wachstumswehen und politische Warnungen

Der schnelle Wandel fordert Brandenburg und die Kommunen spürbar heraus. Wenn morgens die Schicht wechselt, schieben sich dichte Autokolonnen über die Landstraßen und Autobahnabfahrten rund um Grünheide. Gleichzeitig suchen tausende neue Fachkräfte Wohnraum. Vermieter können sich die Mieter aussuchen, bezahlbare Wohnungen werden knapp. Auch junge Familien spüren den Druck: Die Wartelisten für einen Kita-Platz in der Region wachsen, da die Betreuungseinrichtungen kaum mit dem Zuzug mithalten können. Die Gemeinden hoffen zwar auf steigende Gewerbesteuereinnahmen, doch das rasante Wachstum bringt Straßen, Schulen und den Wohnungsmarkt an ihre Belastungsgrenzen.

Zu diesen Herausforderungen kommen interne Spannungen im Werk. Ende Februar 2026 wandte sich Elon Musk per Videobotschaft an sein Team in Brandenburg. Der CEO lobte die Fabrik als eine der „coolsten der Welt“, betonte die Sauberkeit und die gute Stimmung. Doch im Kern sandte er eine politische Warnung: Er baue den Standort nur dann weiter aus, wenn das Werk von externen Einflüssen verschont bleibe.

Damit meinte Musk unmissverständlich die Gewerkschaft IG Metall. Die Gewerkschaft bemüht sich in Grünheide um einen regulären Tarifvertrag. Tesla setzt stattdessen auf betriebsinterne Regeln ohne Tarifbindung. Indem Musk mögliche Investitionen an die Zurückhaltung der Gewerkschaft knüpft, bleibt der Streit um die Mitbestimmung ein ständiges Thema.

„Der große Innovationseffekt von Tesla ist verblasst.“

Diese Konflikte treffen Tesla in einer Phase, in der Experten den technologischen Zenit des Unternehmens als überschritten ansehen. In der Autobranche ist das einst gefeierte Giga-Casting mittlerweile zum Streitfall geworden. Während Befürworter auf die enorme Effizienz in der Herstellung verweisen, bemängeln Kritiker, dass sich massive Gussteile nach Unfällen nur schwer reparieren ließen. Das führe bei Schadensfällen oft schnell zu einem wirtschaftlichen Totalschaden und stehe einer nachhaltigen Reparaturkultur entgegen.

Die eigentlichen Probleme sieht Dudenhöffer jedoch im Management. „Tesla war ausgerichtet auf eine Person: Elon Musk. Aber Elon hatte nicht nur Tesla im Sinn, sondern sich auf zu viele Dinge konzentriert. Tesla ist dabei in den Hintergrund gerutscht.“ Die Folge sei eine lückenhafte Produktpalette.

„Zusätzlich waren die Fahrzeuge nach Model 3 und Model Y immer weiter vom Markt und den Kunden entfernt“, sagt Dudenhöffer. „Bestes Beispiel ist der Cybertruck. Das Fahrzeug ist in Europa und großen Teilen der Welt unverkäuflich. Die kontinuierliche Weiterentwicklung der bestehenden Fahrzeuge wurde verpasst. Model S und X werden eingestellt.“ (Anm. d. Red.: Tesla kündigte an, die Produktion beider Oberklassemodelle im zweiten Quartal 2026 zu beenden).

Sein Fazit fällt hart aus: „Das Innovative an den Tesla-Fahrzeugen ging verloren. Die jungen Chinesen, aber auch deutsche Autobauer, haben Tesla überholt. Im Produktionsbereich sind neue, innovative Produktionsmethoden – wie etwa Giga-Casting – kaum mehr zu sehen. Der große Innovationseffekt von Tesla ist nach 2020 verblasst.“

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„Proteste sind nicht das Problem“

In seiner jüngsten Ansprache Ende Februar 2026 formulierte Musk das Ziel, die Batteriezellenproduktion in Grünheide nun hochzufahren. Er ließ bei dieser Ankündigung jedoch offen, ob und in welchem zeitlichen Rahmen aus diesen Plänen ein Hochlauf in eine echte Serienfertigung entsteht.

Für Dudenhöffer entscheidet sich die Zukunft des Werks ohnehin an den weltweiten Verkaufszahlen der Autos. Auch lokale Initiativen spielen für ihn kaum eine Rolle: „Proteste gab es von Anfang an, aber Proteste sind nicht das Problem. Das Problem sind die blasser gewordenen Tesla-Modelle, die weltweiten Überkapazitäten, also die weltweiten Fahrzeugverkäufe. Die Wachstumspläne haben sich nicht realisiert, und das lag nicht an ein paar Protesten.“

Die Entscheidung über den Ausbau in Grünheide fällt auf den Weltmärkten. „Die wirtschaftliche Entwicklung hängt von der Entwicklung des Werks ab, und die Entwicklung des Werks ist an die Entwicklung der Fahrzeugverkäufe geknüpft“, erklärt Dudenhöffer. „Die großen Ausbaupläne sind nach meiner Einschätzung kaum mehr realisierbar.“ Seine Prognose ist eindeutig: „Die Arbeitsplätze hängen vom Verkaufserfolg der Fahrzeuge ab. Und nach allem, was man so sieht, wird es damit schwieriger.“

Wege aus der Stagnation

Damit das Werk ein Motor für die Region bleibt, muss Tesla nachbessern. Weltweit braucht das Unternehmen wieder mehr Innovationskraft. Zudem fehlen bezahlbare Autos für den Massenmarkt in Europa, um die Bänder in Grünheide langfristig auszulasten.

Gleichzeitig brachte Konzernchef Musk selbst eine breitere Aufstellung ins Spiel. Startet Tesla eine eigene Batteriezellfertigung in großem Stil und baut künftig auch den Elektro-Lkw Semi oder den Roboter Optimus in Brandenburg, könnte das die Fabrik unabhängiger vom reinen Pkw-Verkauf machen. So könnte das Werk seine Rolle als industrielles Zentrum der Region auf Dauer sichern.


© Berliner Zeitung