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„Warum bin ich hier und nicht sie?“: Der Krieg spaltet die ukrainische Gesellschaft

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24.03.2026

In der Ukraine spitzt sich ein stiller Konflikt zwischen jenen, die an die Front gezogen sind, und jenen, die der Mobilisierung ausweichen, immer weiter zu. Im Familienkreis, am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft wächst die Spannung, die schon heute die Zeichen für künftige Konflikte in einer Nachkriegs-Ukraine zeichnet. Die konservative französische Zeitung Le Figaro berichtet in einem ausführlichen Artikel über die Hintergründe und schildert Erfahrungsberichte von Soldaten und Angehörigen.

In Iwano-Frankiwsk, im Westen des Landes, ist in der Familie eines anonymisierten Soldaten, der Denys genannt wird, seit Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 ein wachsender Konflikt spürbar geworden. Der junge Denys meldete sich vor über vier Jahren freiwillig zum Dienst, während der Onkel seiner Frau die Einberufung erfolgreich vermied.

Ukraine: Auch am Arbeitsplatz eskalieren die Spannungen

Je länger der Krieg dauerte, desto größer wurden die Spannungen in der Familie. „Es schien, als ob der Onkel seinen Groll gegen ein System, das er für korrupt hielt, an Denys ausließ“, schreibt Le Figaro. Eines Tages, während eines Familientreffens, konfrontierte der Onkel dann seine Nichte: „Will dein Mann wirklich, dass der Krieg endet, oder profitiert er letztendlich nicht davon?“ Die Worte verletzten Denys tief und der Kontakt zwischen ihm und seinem Onkel versandete. „Er weigert sich, mich zu sehen“, sagt der Soldat.

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Auch außerhalb familiärer Kreise kommen immer mehr solcher kriegsbedingter Konflikte an die Oberfläche. Auf Telegram-Kanälen von Soldaten hat die Spottkampagne gegen sogenannte Ukhylianty – die Kriegsdienstverweigerer – seit Januar zugenommen, als Verteidigungsminister Mychajlo Fedorowderen die Zahl auf zwei Millionen schätzte.

„Ich will nicht urteilen. Aber oft frage ich mich: Warum bin ich hier und nicht sie? Wir können nicht einmal normale Rotationen organisieren, weil wir unterbesetzt sind“, schildert Git, ein Drohnenpilot aus der Region Donezk. Der ehemalige KI-Ingenieur träumt davon, wie seine Landsleute in den Karpaten zu snowboarden, während er selbst täglich an der Front arbeitet.

Und auch am Arbeitsplatz eskalieren die latenten Spannungen innerhalb der kriegsgebeutelten Gesellschaft. Ein Geschäftsleiter berichtet: „Die Ressentiments der Veteranen können in provokative Worte umschlagen, und die anderen reagieren darauf, was die Situation weiter verschärft. Unsere HR-Abteilung weiß nicht, wie sie reagieren soll.“

Der Schriftsteller und Soldat Stanislaw Assejew sagte im vergangenen Jahr der Berliner Zeitung: „Es gibt einen gar nicht so kleinen Teil unserer Gesellschaft, der lieber in Restaurants und Cafés in Kiew, Poltawa, Lwiw, Dnipro und anderen Städten sitzt und nicht im Entferntesten daran denkt, sich den Streitkräften anzuschließen und denen, die seit Jahren kämpfen, eine Art Rotation zu ermöglichen. Das wirft Fragen der sozialen Gerechtigkeit auf.“

Andererseits fühlen sich viele ukrainische Männer alleingelassen. Aus Angst vor einer zwangsweisen Einberufung durch die berüchtigten Rekrutierungsbehörden meiden sie oft die Öffentlichkeit und leben faktisch im Verborgenen. Der Begriff „Busifizierung“, also das gewaltsame Einsammeln wehrfähiger Männer auf der Straße mit Kleinbussen, ist inzwischen allgegenwärtig und wird zunehmend zum Symbol wachsender Kritik an der politischen Führung von Präsident Wolodymyr Selenskyj.

Die Mobilisierung in der Ukraine gilt grundsätzlich für wehrpflichtige Männer im Alter von 18 bis 60 Jahren. Seit Kriegsbeginn wurde das Kriegsrecht mehrfach verlängert, Ausreisen für Männer im wehrfähigen Alter sind stark eingeschränkt. Bestimmte Gruppen sind von der Mobilisierung ausgenommen, etwa aus gesundheitlichen Gründen, wegen familiärer Verpflichtungen oder aufgrund systemrelevanter Berufe. Dennoch steht das System wegen ungleicher Anwendung, Korruption und mangelnder Transparenz zunehmend in der Kritik.

Ukraine: Frustration unter den Veteranen ist groß

Eine aktuelle Umfrage des Soziologen Alexej Antipowitsch zeigt, dass das Alter entscheidend für die Haltung zur Mobilisierung ist. Ältere Generationen befürworten sie mehrheitlich, während junge Ukrainer kritischer sind. „Die ältere Generation sagt: Mobilisierung ist normal, ausreichend, vielleicht sollte sie sogar verstärkt werden. Die Mehrheit – über 50 Prozent. Die Jüngeren sagen dagegen, dass es zu viel ist, und sehen die Umsetzung als rechtswidrig an“, erklärt Antipowitsch.

Diese Kluft spiegelt sich auch in der Erfahrung des Krieges wider. „Während einige Männer kämpfen oder gefallen sind, bleiben andere zu Hause. Diese Situation erzeugt moralische und soziale Herausforderungen, die die Ukrainer allmählich überwinden müssen“, so der Soziologe.

Die Frustration unter den Veteranen ist groß. Yuliya Aviyam, Psychologin am Rehabilitationszentrum Superhumans in Lwiw, berichtet: „Die Frage der Fairness quält viele Veteranen. Warum habe ich meine Gesundheit, meine Freunde, meine Gliedmaßen verloren, während andere ihr Leben normal weiterführen? Warum sprechen Menschen, die nie etwas geopfert haben, mit solcher Sicherheit über Krieg und Politik?“

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Auch Angehörige fühlen den Schmerz. Luda, deren Mann sich freiwillig meldete, erzählt: „Ich bin in diesem Thema viel aggressiver als mein Mann. Ich bin ständig eifersüchtig und wütend. Ich sehe meinen Mann nur alle drei bis vier Monate, und das ist wirklich schwer.“

Die wachsende Kluft zwischen Kriegsfreiwilligen und denen, die dem Dienst ausweichen, birgt langfristige Risiken. Anna Colin Lebedev, Spezialistin für postsowjetische Gesellschaften an der Universität Paris-Nanterre, warnt: „In der Ukraine von morgen wird der Platz jedes Einzelnen in der Gesellschaft an einer entscheidenden Frage gemessen: Was hast du im Krieg getan? Die Antwort wird ein sehr komplexes Bild von Spaltungen zeichnen. Die marginalste Position wird wahrscheinlich denen vorbehalten sein, die sich versteckt haben.“

Für den anonymisierten Soldaten Denys bleibt die Zukunft ungewiss: „Ich will nicht daran denken; ich überlasse das den Soziologen. Aber alles hängt davon ab, wie es endet. Wenn die öffentliche Meinung Frieden als Sieg sieht, wird es für uns alle einfacher sein.“


© Berliner Zeitung