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AfD-Bürgerdialog in Charlottenburg: Gibt es Rassismus gegen Weiße?

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28.03.2026

„Sind Sie schon mal als Weißer diskriminiert worden?“. Diese Frage stellt der linke Influencer Marcant vor dem Rathaus Charlottenburg den Besuchern einer AfD-Veranstaltung und filmt ihre Reaktionen. Die Fraktion Charlottenburg-Wilmersdorf hatte Ende März unter dem Titel „Warum spricht niemand über Rassismus gegen Weiße?“ zum Bürgerdialog eingeladen. Unter den Rednern: der Dortmunder Bundestagsabgeordnete Matthias Helferich.

Weitere Sprecher und Gastgeber des Abends waren der Bezirksverordnete und Vorsitzende von Generation Deutschland, Martin Kohler, sowie der kulturpolitische Sprecher Michael Seyfert. Moderiert wurde der Abend von Gregor Kadow, Sprecher für Remigration und Integration. Der Saal war voll. Nach Angaben der Organisatoren gab es mehr Anmeldungen als Plätze.

Skandale und ein Parteiausschlussverfahren

Möglicherweise lässt sich der Andrang dadurch erklären, dass Matthias Helferich nicht irgendein Bundestagsabgeordneter ist, sondern bekannt für Kontroversen, wegen denen er zeitweise selbst in der AfD isoliert war. Interne Chatnachrichten, in denen er sich unter anderem als „freundliches Gesicht des Nationalsozialismus“ bezeichnete und NS-Bezüge herstellte, sorgten bundesweit für Kritik.

Die AfD-Bundestagsfraktion nahm ihn nach der Wahl 2021 zunächst nicht auf, er blieb über Jahre fraktionslos. Parallel lief ein Parteiausschlussverfahren, das bis heute nicht endgültig abgeschlossen ist. Man mag es „ungewöhnlich“ nennen, dass ausgerechnet er eingeladen wurde, an diesem Abend über Rassismus zu sprechen.

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Struktureller Rassismus und Aktionswochen

Nach Beginn der Veranstaltung wurde schnell klar: Hier geht es nicht um konkrete Diskriminierungserfahrungen, sondern um eine grundsätzliche Kritik am Antirassismus selbst. Michael Seyfert lieferte den theoretischen Auftakt. Er wandte sich gegen die „Critical Race Theory“, die Rassismus als strukturelles Problem versteht, und nannte sie eine „dominante pseudowissenschaftliche Theorie“. Dass es „Rassismus gegen Weiße“ gebe, sei offenkundig, Politik und Medien würden dies jedoch verschweigen.

Martin Kohler verlagerte das Thema in die Bezirkspolitik und berichtete von seinen Erfahrungen mit den „Aktionswochen gegen Rassismus“ in Charlottenburg-Wilmersdorf. Er beschrieb sie als ein von staatlichen Stellen, Kirchen und Initiativen getragenes Netzwerk, das aus seiner Sicht politisch einseitig agiere. Immer wieder, so Kohler, sei die AfD von Veranstaltungen ausgeschlossen worden, trotz öffentlicher Orte und staatlicher Förderung. „Das hat nichts mehr mit staatlicher Neutralität zu tun“, sagte er.

Er erzählte von Veranstaltungen, zu denen er trotz Anmeldung keinen Zugang bekommen habe, ein „Kiezspaziergang“, der wegen seiner Anwesenheit abgebrochen worden sei, oder Diskussionen in bezirklichen Einrichtungen, bei denen AfD-Vertreter abgewiesen worden seien. Auch ein Fastenbrechen im Rathaus führte er als Beleg an, ebenso Workshops und Projekte in Schulen und Jugendeinrichtungen. Aus all dem leitete Kohler den Vorwurf ab, es gehe nicht nur um Antirassismus, sondern um eine politisch gesteuerte Praxis, die bestimmte Positionen ausschließe und andere fördere.

Kulturkampf statt Einzelfall

Mit Matthias Helferich verschob sich der Fokus des Abends, er setzte beim großen Ganzen an: Kolonialismus, Erinnerungspolitik, nationale Identität. Überzeugt von sich selbst leitete er mit den Worten ein: „Wer könnte besser zum Thema Antirassismus sprechen als ich“, sagte er zu Beginn. Postkoloniale Theorien, so Helferich, würden „weiße Schuld“ in den Mittelpunkt stellen und dazu dienen, politische Forderungen der Gegenwart zu legitimieren.

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Auch Museen seien keine Orte wissenschaftlicher Auseinandersetzung mehr, sondern der „Darstellung weißer Schuld“. Die Geschichte Europas werde einseitig erzählt. „Die Geschichte des weißen Mannes ist keine Schuld“, sagte Helferich. Kulturpolitik müsse dem „Volk Kraft spenden“, nicht Scham erzeugen. Deutschland habe „ein Recht auf Zukunft“, Deutsche hätten „das Recht zu leben“.

Im Zentrum stand damit ein identitätspolitischer Anspruch. Helferich formulierte ihn offen: „Wir wollen schon noch, dass Deutschland das Land der Deutschen ist – auch in 100 Jahren.“ Der Begriff „Remigration“, der sich unterschiedlich Interpretieren lässt und mit dem die AfD die Ausweisung von abgelehnten und vorbestraften Asylbewerbern beschreibt, sei ein „Hoffnungsbegriff“, den man gegen „Diffamierungen“ verteidigen müsse.

Rückhalt und Erfolg trotz Konflikten

Auf Nachfrage der Berliner Zeitung, wie groß Helferichs Rückhalt in der Partei sei – angesichts von Ausschlussverfahren, Nähe zum völkischen Flügel und anhaltender Kontroversen rund um seine Forderungen nach Remigration –, zeichnete Helferich ein klares Bild. Trotz aller Konflikte habe ihn die Parteibasis gestärkt. Er sei sogar „auf einen noch besseren Listenplatz gewählt“ worden als zuvor. „Ich beklage mich wirklich nicht über fehlenden Rückhalt in der Mitgliedschaft“, sagte er.

Gleichzeitig räumte er Spannungen ein. „Manche Funktionäre mögen mich nicht, damit kann ich leben.“ Politik sei für ihn mehr als Arbeit: „Das ist keine Karriere, sondern eine Berufung.“ Entscheidend sei nicht die Zustimmung der Parteiführung, sondern die Unterstützung der Parteibasis. Und die habe er.

Ein Abend ohne Gegenrede

Auch Gastgeber Martin Kohler wies Kritik zurück, Helferich eingeladen zu haben. Distanzierungen seitens von Parteikollegen erwarte er nicht. Zudem spreche die hohe Nachfrage für sich. Mehr als 50 Teilnehmer seien gekommen, weitere hätten keinen Platz mehr bekommen. Helferich sei „genau der richtige“ Redner für dieses Thema. Was die AfD-Landesvorsitzende Kristin Brinker zur Veranstaltung und zur Einladung des Dortmunders sagt, verriet Kohler nicht.

Der Abend endete ohne große Kontroverse im Saal. In der Fragerunde blieb es lange still. Moderator Gregor Kadow füllte die Zeit mit Anekdoten, bevor einzelne Wortmeldungen kamen. Die große Auseinandersetzung, die Helferich sich am Ende wünschte, blieb an diesem Abend aus.


© Berliner Zeitung