Miefig, gebraucht und mit Schweißflecken? Gen Z kauft jetzt Retro-Sportswear
Spaziert man heute in ein beliebiges Fitness- oder Pilatesstudio – relativ egal, wo auf der Welt –, so wird er einem entgegenschlagen: der belanglos kolorierte, bemüht athletische modische Einheitsbrei aus Synthetikfaser.
Besonders beliebt: pastellfarbene bis dunkel gehaltene Workout-Sets, bestehend aus einem bauchfreien Sport-BH und dazu passenden Leggings, die den zu trainierenden Körper mit zugleich stützendem wie elastischem Mikroplastik formen. Präzise platzierte Nähte und Waschungen meißeln Hinterteile teils so akkurat, dass Michelangelos David vor Neid erblassen würde.
Die Gym-Uniform der Selbstoptimierer
Es ist eine Fitnessstudio-Uniform, die gut zur verbissen-performativen Selbstoptimierungskultur der vergangenen Jahre passt. Wer in eines dieser Workout-Sets gekleidet ist, die bisweilen das Dreifache des monatlichen Fitnessstudio-Beitrags kosten, suggeriert: „Ich mache das nicht zum Spaß, das ist mein Lebensstil.“ Eine Rüstung aus Nylon, die einen beim Sehen und Gesehenwerden im Gym und im Internet unterstützt.
Begriffe wie „Pilates Princess“, die in den vergangenen Jahren auf Social Media aufgekommen sind, gaben dem Phänomen einen Namen: rosa und cremefarben gekleidete Frauen mit Stirnband und farblich passender Trinkflasche. Wollte man im Fitness-Kosmos nicht negativ auffallen, musste man in jedem Fall so oder so ähnlich gekleidet sein. Doch die Zeit der modischen Monotonie in den Gyms scheint nun vorbei zu sein. Jetzt kommt mit dem Retro-Sportswear-Trend die Gegenbewegung.
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Gen Z entdeckt Vintage-Sportkleidung neu
Auf TikTok zeigt Generation Z ihre retro-inspirierten Gym-Outfits, die an Looks von Victoria Beckham und Madonna aus den 2000ern oder von Lady Diana aus den 90ern erinnern. Gefragt sind bunte Farben, Zahlen-Aufdrucke, ein niedriger Bund, Caprihosen und Baumwolle. Laut dem amerikanischen Modemagazin The Cut stieg die Zahl der Suchanfragen für Vintage-Activewear auf der Secondhand-Plattform Depop im Oktober 2025 um 169 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Die Suchanfragen für Baumwoll-Activewear legten im vergangenen Jahr sogar um 244 Prozent zu.
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Sehnsucht nach dem Analogen
Eine TikTokerin namens Emilia vermutet dahinter eine kulturelle Sehnsucht nach dem Analogen im weitesten Sinne. Während die pastellfarbenen Sets von Lululemon, Oysho und Co. inzwischen eng mit einer Online-Zurschaustellung des Workouts und einer gleichgeschalteten Ästhetik verbunden sind, wächst der Wunsch nach Persönlichkeit und Charakter losgelöst vom Internet.
Das Interesse an Retro-Sportkleidung ist nicht weniger als ein weiteres Symptom der Nostalgie nach einer Zeit, in der die meisten der Gen Z noch gar nicht geboren waren. Es ist das Romantisieren einer Ära, die vermeintlich weniger fake und filteroptimiert war. Die amerikanische Autorin Liana Satenstein etwa erfreut sich an Schweißflecken, die auf ihrer grauen Baumwoll-Sportkleidung zum Vorschein kommen. Hochwertigere Materialien, die ohne Mikroplastik auskommen, sind ein weiterer Aspekt, der bei den Anhängern von Vintage-Sportkleidung zieht.
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Antwort auf die Mikrotrend-Müdigkeit
Gleichzeitig scheint das gesteigerte Interesse an Vintage-Sportkleidung mit dem gegenwärtigen Individualitätsstreben einherzugehen. Anfang letzten Jahres entbrannte eine große Online-Debatte um das Ende des persönlichen Stils, ausgelöst durch das Trendbombardement des Internets in spätkapitalistischen Zeiten. Noch nie alterte vermeintlich angesagte Kleidung so schnell wie heute. Was gestern noch in war, ist am nächsten Tag altbacken.
Die amerikanische YouTuberin Mina Le begründete mit diesem Mechanismus ihre fehlende Freude an Mode. Ihr dazugehöriges Video „Der Tod des persönlichen Stils“ hat bis heute 2,8 Millionen Aufrufe. In Zeiten von Mikrotrend-Müdigkeit, gesteigertem Qualitätsbewusstsein und finanzieller Angespanntheit scheint Vintage-Kleidung für viele die Antwort zu sein – laut einer Studie haben bereits zwei Drittel aller Deutschen online Secondhand-Artikel gekauft.
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Vom Streetstyle ins Studio
All das geschieht zu einer Zeit, in der Vintage-Sportkleidung längst im Alltag angekommen ist. Das Revival der 2000er-Jahre-Ästhetik und der anhaltende Einfluss der HipHop-Kultur haben Retro-Trikots, ausgewaschene Trainingsanzüge und oversized Jerseys zu festen Größen im Streetstyle gemacht. Auf der Straße trägt man sie längst selbstverständlich – der Schritt, diese Teile auch beim Sport selbst anzuziehen, war also nur eine Frage der Zeit.
Ein Trend, der sich selbst widerspricht
Das Ironische dabei: Der momentane Hang zur Retro-Sportswear ist natürlich ebenfalls ein Trend. Auf TikTok geben etliche Nutzerinnen Tipps, wo und mit welchen Schlagworten man die besten Retro-Teile findet. Die Videos haben viele tausend Aufrufe.
Und natürlich bemühen sich einschlägige Marken längst darum, die Retro-Nische in ihrem Sortiment zu bedienen. Puma etwa feierte mit dem Speedcat-Modell – einem ursprünglich für Formel-1-Boxencrews entworfenen Schuh von 1999 – zuletzt eines der erfolgreichsten Sneaker-Revivals der letzten Jahre. Adidas setzt bei den Trikots für die WM 2026 auf Polokragen und V-Ausschnitte – Schnitte, die an die ikonischen Nationalmannschaftstrikots der 80er- und 90er-Jahre erinnern. Ein Glück für alle, die den Retro-Look kaufen wollen, aber ohne den Retro-Geruch.
