Berliner Lehrerin: So erlebte Fatma Kan die Preis-Überraschung in Wedding
Fatma Kan wusste nichts von ihrem Glück. Schüler sprachen sie an, sie möge dringend ins Klassenzimmer kommen. Kan eilte los. „Ich dachte, was ist denn jetzt los“, erinnert sie sich. Als sie den Klassenraum in der Quinoa-Schule im Soldiner Kiez am Gesundbrunnen in Wedding betrat, flog Konfetti um sie herum. Blumen und Schokolade warteten auf Kan. Die Lehrerin fiel aus allen Wolken, als ihre Schüler ihr von ihrer Auszeichnung als eine der besten Lehrerinnen Deutschlands berichteten.
Ihre neunte Klasse hatte Kan für den vom Deutschen Philologenverband und der in Hanau sitzenden Heraeus-Stiftung ausgelobten und seit 2009 verliehenen Deutschen Lehrkräftepreis vorgeschlagen, die Lehrerin aber nicht eingeweiht. Die Schüler wollten sie überraschen.
Kans Schüler sollten sie bei der Bewerbung für den Preis beschreiben. „Bei ihr geht’s nicht nur um Noten – sie sorgt dafür, dass wir als Menschen wachsen und auch verstehen, was uns wirklich wichtig ist“, hieß es in der Vorstellung. Andere Schüler schrieben: „Wir sind echt dankbar, Frau Kan als Lehrerin zu haben, weil sie uns nicht nur Wissen beibringt, sondern uns auch zeigt, wie man im Leben weiterkommt und an sich selbst glaubt.“ Oder: „Sie sorgt nicht nur dafür, dass wir in Deutsch und Englisch besser werden, sondern auch, dass wir als Menschen wachsen.“ So lobten Neuntklässler im Alter zwischen 14 und 15 Jahren die Lehrerin, die sie seit der siebten Klasse in den Fächern Deutsch und Englisch unterrichtet.
Die Schüler überraschten die Lehrerin
Die Schüler wussten früher Bescheid über Kans Auszeichnung als die nichts ahnende Lehrerin. Sie erhielt wenig später eine E-Mail mit dem Glückwunsch der Organisatoren des Lehrer-Wettbewerbs. Seitdem freut sich die ganze Quinoa-Schule mit ihr.
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Die Berlinerin ist eine von insgesamt zehn für das vergangene Jahr nominierten Preisträgerinnen und Preisträgern in der Kategorie „Ausgezeichnete Lehrkraft“. Sie kann sich über ein Preisgeld in Höhe von 1000 Euro freuen. Die Berliner Bildungssenatorin Katharina Wünsch-Günther hat sich unter die Gratulanten eingereiht. „Es ist mir eine große Freude und Ehre, eine so engagierte und empathische Lehrkraft an einer Berliner Schule zu wissen “, erklärte die CDU-Politikerin auf der Internetseite des Deutschen Lehrkräftepreises.
Fatma Kan empfängt gemeinsam mit Hendrikje Lorenz, der Geschäftsführerin der Quinoa-Schule, im Foyer der im Sommer 2014 als Integrierte Sekundarschule eröffneten Bildungseinrichtung. Die Lehrstätte für rund 180 Schüler ist als private Ersatzschule staatlich anerkannt und wird von dem ebenfalls nach dem nahrhaften Andenkorn benannten und 2013 gegründeten Berliner Sozialunternehmen getragen.
Viele Familien erhalten Transferleistungen
Laut Angaben der Schule zahlen nur 19 Prozent der Eltern ein Schulgeld. Die Mehrheit der Familien erhält der Schule zufolge Transferleistungen etwa vom Jobcenter und ist von einem Beitrag ausgenommen. Die Schule finanziert sich durch Spenden und Finanzmittel der Bildungssenatsverwaltung für staatlich anerkannte Ersatzschulen.
85 Prozent der Schüler hatten laut Informationen der Schule 2024 Migrationshintergrund. 82 Prozent kamen aus einer Familie, die staatliche Transferleistungen bezog. Dennoch lag die Abschlussquote an der Quinoa-Schule 2024 zum dritten Mal bei 100 Prozent. Die Schule wirbt mit individueller Förderung und engmaschiger Begleitung von Schülern für sich.
Kans Händedruck ist fest. Ihr wacher Blick empfängt den Besucher. Die Lehrerin trägt ein beiges Kopftuch. Hier dürften manche die Lust auf eine nähere Betrachtung ihrer Person verlieren. Der Mensch unter dem Tuch wird nach endlosen Debatten über das Tragen der religiösen Kopfbedeckung an Schulen immer seltener gesehen.
Lehrerinnen dürfen Kopftuch tragen
Lehrerinnen dürfen das Kopftuch seit dem vergangenem Jahr an Berliner Schulen im Regelfall tragen. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hatte sich 2023 grundsätzlich gegen ein generelles Kopftuchverbot an Schulen in Deutschland ausgesprochen.
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Im Fall Fatma Kans wäre aus Vorurteil verweigerte Neugier töricht. Denn in ihrer Geschichte stecken Antworten auf die Frage: Wie kann gute Schule in einer von Armut und Migration geprägten Stadt wie Berlin gelingen?
Fatma Kans Deutschunterricht beginnt, und ihre Schüler wünschen ihr erst einmal freundlich einen guten Morgen. Etwas liegt in der Luft. Es ist das Gegenteil von Anspannung, eine zwischen Schülern und Lehrerin hin und her wogende Energie aus Sympathie und Grundvertrauen. Sie steckt sogar Morgenmuffel an, sich in in den kommenden 60 Minuten über die korrekte Verwendung des Passivs im Deutschen Gedanken zu machen. Die Unterrichtsstunden dauern an der Quinoa-Schule 15 Minuten länger als im Regelfall an den öffentlichen Schulen.
Kan unterrichtet an diesem Morgen den Zug für die leistungsschwächeren Schüler ihrer neunten Klasse. Einige Schüler kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Das Mithalten im Unterricht kostet sie mehr Kraft. Kan hat es außerdem mit Schülern zu tun, für die Deutsch in der Regel nicht Muttersprache war.
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Fatma Kan beginnt ihren Unterricht mit einem Lob für ihre Klasse. Sie berichtet von der ersten Sichtung eines Tests und bemerkt die überwiegend korrekte Kommasetzung durch die Schüler. „Das habt ihr super gemacht“, sagt sie. Dann spricht sie an, was weniger gut lief, die richtige Anwendung des Passivs. „Daran müssen wir arbeiten“, sagt sie.
Die Verknüpfung von Lob und Hinweisen auf Fehler zieht sich durch Kans Ansprache an ihre Klasse. Was die Schüler noch nicht können, lässt sich lernen, lautet ihre Botschaft. Sie benennt Fehler dabei deutlich. Schief klingende Sätze lässt sie nicht in der Luft hängen. Überhaupt ist ihre Sprache geschliffen klar und eindeutig. Kan lässt ihre Schüler auch nicht im Zweifel darüber, welche Regeln in ihrem Unterricht gelten.
Neben der digitalen Weißtafel hängt ein Plakat mit den Buchstaben „MDS“ und einer Erklärung des Kürzels. Es steht für: „Melden, Drankommen, Sprechen“. Als ein Schüler im Eifer eine Lösung ins Klassenzimmer ruft, ohne von ihr aufgerufen worden zu sein, zeigt Kan auf das Schild. Dann herrscht Ruhe ohne ein lautes Wort der Lehrerin. Es bleibt bei dem einmaligen Hinweis. Die Schüler scheinen ihr folgen zu wollen. Sie strecken brav ihre Finger, um von Kan aufgerufen zu werden. Es ist zum Augenreiben.
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Kan ist der Mittelpunkt, der die Schüler eine volle Stunde lang in Bann hält und ihre Konzentration auf die Verwendung von Partizipien bei der Bildung des Passivs lenkt. Die Rede ist von Jugendlichen auf dem Höhenpunkt der Pubertät. Die Aufmerksamkeitsspanne ihrer Generation wird in den Debatten um ein Handyverbot an den Schulen oder den Bann der Nutzung sozialer Medien für Jugendliche bisweilen auf die Länge eines TikTok-Videos begrenzt.
Die Quinoa-Schule ist kein Landgymnasium im Schwarzwald, sondern steht in Wedding. Wer an den schlechten Ruf der Berliner Schulen denkt, an Horrormeldungen über Schülergewalt und gemobbte Lehrer, kommt beim Anblick wissbegieriger und lammfrommer Neuntklässler aus einem sozial nicht auf Federn gebetteten Kiez nicht aus dem Staunen heraus.
Schüler werden gleichbehandelt
Kan bittet einen Schüler an die Weißwandtafel. Er liegt bei der Lösung der ihm gestellten Aufgabe komplett daneben. Kan gibt die Frage an die Klasse weiter. Ein Mitschüler beantwortet sie richtig. Sein Klassenkamerad an der Tafel hört mit entspannten Gesichtszügen zu.
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Es scheint kein Drama für ihn zu sein, vor der Klasse etwas Falsches zu sagen. Das Nichtwissen stellt ihn nicht bloß. Das hat etwas mit Fatma Kan zu tun. Sie behandelt ihn genauso wohlwollend wie den Mitschüler, der die richtige Antwort gibt.
Klarheit und Wertschätzung prägen Sprache und Verhalten der Lehrerin. Sie besteht auf Regeln und Strukturen. Das lässt sich Strenge nennen. Aber das Wort impliziert ein Machtgefälle und spiegelt die zugewandte Art Kans im Umgang mit ihren Schülern nicht wider. Die Lehrerin unterrichtet und handelt schlichtweg schlüssig und zeigt dabei, dass die Schüler ihr wichtig sind. Das entgeht der Klasse nicht.
Schüler helfen sich gegenseitig
Kan bittet bei der Bearbeitung eines Arbeitsblatts einen leistungsstärkeren Schüler, einen schwächeren zu unterstützen. Die beiden Jungen wandeln in einer Ecke des Klassenzimmers Sätze im Aktiv ins Passiv um und umgekehrt. Verantwortung für andere zu übernehmen, scheint in ihrem Unterricht so normal zu sein, wie Hilfe anzunehmen. So knüpft die Lehrerin unter ihren Schülern ein Netz.
Kan wirkt als Impulsgeberin, die ihren Schülern etwas zutraut. „Sie ermutigt uns, an uns selbst zu glauben und das Beste aus uns herauszuholen“, heißt es in der Nominierung ihrer Schüler für den Deutschen Lehrkräftepreis.
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Fatma Kan hat sich vor drei Jahren für die Stelle an der Privatschule entschieden, die mit Beziehungsarbeit und intensiver Betreuung Nachteile junger Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft ausgleichen will. Dafür hat sie auf die mit dem Beamtenstatus als Lehrerin an einer öffentlichen Schule verbundenen Privilegien verzichtet. „Das war ein bewusste Entscheidung. Ich stehe hinter dem Konzept der Schule“, sagt sie.
Die Berlinerin lernte die Quinoa-Schule noch vor dem Ende ihres Referendariats an einer Schule in Lichtenberg kennen und war begeistert. Im Referendariat lief es holprig. Kan fiel bei der ersten Lehrprobe durch.
Das Referendariat verlief holprig
„Bei der zweiten bekam ich eine 1.0“, sagt sie. Kan sucht noch heute nach Erklärungen. War es das Lampenfieber, Pech oder vielleicht doch das Tuch auf ihrem Kopf? Ihre Erfahrungen als Referendarin mit Kopftuch an einer Schule im Berliner Osten scheinen durchwachsen gewesen zu sein. An ihre Schüler in Lichtenberg habe sie gute Erinnerungen. „Mir haben einige meiner früheren Schüler geschrieben und mir zu meinem Preis gratuliert“, erzählt sie.
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Die meisten Schüler an der Quinoa-Schule haben Migrationshintergrund. Ihre Namen klingen nicht deutsch, und zu Hause wird häufig eine andere Sprache gesprochen. Fatma Kan bringt ihnen nicht nur Deutsch und Englisch bei, sondern auch den Mut, ihre eigene Lebenswelt zu gestalten. Nicht alle Schüler können auf eine solche Bestärkung durch ihre Eltern zählen.
Die Welt außerhalb des Klassenzimmers ist freilich eine andere. Name und Herkunft der Schüler werden ihren Lebensweg mit bestimmen. Daran werden Antidiskriminierungsgesetzte nichts ändern. Die Realität kann die im Unterricht vermittelten Werte von Gleichheit und Kooperation nur bedingt einlösen. Fatma Kan hat es selbst erlebt, wie vermittelt sie das ihren Schülern? „Ich bin da ganz transparent“, sagt sie.
Kan macht den Schülern Mut
Soll heißen, sie verschweigt ihnen nicht, dass den Schülern aus Wedding womöglich mehr abverlangt werden könnte als anderen. Besser, die Kinder lernen Mut von einem Vorbild, das sich durch nichts von persönlichen Zielen hat abbringen lassen, wie Fatma Kan. Sie steht für ein gelungenes Leben als Frau mit türkischen Wurzeln und Muslimin in Deutschland. Aber der Weg dorthin war nicht frei von Dornen.
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Vielleicht ist das Geheimnis guten Unterrichts weniger eine Frage von Bildungskonzepten oder Investitionen in die Ausstattung von Schulen. Es braucht Lehrer, die ihre Schüler ernst nehmen und mögen. Fatma Kan hat ihre neunte Klasse ins Herz geschlossen.
