„Wenn Sie nicht kommen, kommen andere“: Zentralasien rüstet sich für Krieg ums Wasser
Kasachstan und seine regionalen Partner wollen ihre Wasserwirtschaft umfassend modernisieren und gehen dabei gezielt auf Deutschland zu. Doch die Geduld in den Hauptstädten Zentralasiens hat Grenzen. „Wenn Sie nicht kommen, machen es dann andere“, sagt der kasachische Botschafter bei einem Runden Tisch in Berlin zur deutsch-kasachischen Zusammenarbeit im Wassersektor.
Der mahnende Appell richtet sich direkt an die anwesenden Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Fachverbänden: Deutschland genieße in Zentralasien zwar noch immer einen hervorragenden Ruf für Qualität und Präzision – aber Reputation allein reiche nicht mehr. Man wünsche sich von deutscher Seite „mehr Pragmatismus und Mobilität“.
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Tür weit offen für große Projekte
Was Kasachstan dabei anbietet, geht weit über klassische Beschaffung hinaus – und eröffnet deutschen Unternehmen Geschäftschancen in einer Größenordnung, die es auf dem heimischen Markt derzeit kaum gibt.
Gesucht werden nicht einzelne Produkte, sondern komplexe systemische Lösungen: Planung, Bau, Betrieb, Regulierung, Fachkräfteausbildung und langfristiges Management ganzer Wasseranlagen. Deutsche Unternehmen sind sogar eingeladen, kommunale Wasserbetriebe in kasachischen Städten zu verwalten – vergleichbar mit dem Modell des deutschen Flughafenbetreibers Fraport, der Flughäfen in mehreren Ländern betreibt, wie ein Teilnehmer anmerkt.
Nationaler Reformplan nach schweren Überschwemmungen
Hintergrund des wachsenden Reformdrucks ist eine schwere Hochwasserkatastrophe, bei der nach Angaben des Botschafters fast 120.000 Menschen evakuiert und 30.000 Tiere gerettet werden mussten. Weite Teile der Infrastruktur waren betroffen.
Diese Erfahrung hat die Regierung dazu gebracht, das Thema Wasser ganz oben auf die Agenda zu setzen und einen nationalen Plan zur Entwicklung der kommunalen Wasserwirtschaft aufzulegen. Eine Studie hat ergeben, dass fast 60 Prozent des Wassers im Land verloren gehen – durch veraltete Leitungen, ineffiziente Netze und fehlende Speicherkapazitäten. Der Modernisierungsbedarf ist entsprechend groß.
Seit 2024 arbeitet Kasachstan mit der German Water Partnership (GWP) zusammen, dem Verband der deutschen Wasserwirtschaft mit rund 300 Mitgliedern. Der GWP-Geschäftsführer hat Kasachstan bereits besucht, kasachische Delegationen haben Wasserbetriebe in Niedersachsen, Sachsen und Berlin besichtigt. Für Ende Juni ist eine weitere Delegation nach Bayern geplant. Erste deutsche Unternehmen aus den Reihen der GWP realisieren bereits Projekte vor Ort, etwa beim Ausbau einer Abwasseranlage in der Nähe von Astana.
Kasachstan positioniert sich als regionaler Gestalter
Kasachstan sieht sich beim Thema Wasser in einer gestaltenden Rolle für ganz Zentralasien. Das Land macht rund 80 Prozent des deutschen Handelsvolumens mit der Region aus und versteht sich als Stabilitätsanker und Impulsgeber – allerdings stets in Abstimmung mit den Nachbarstaaten. Der Botschafter betont, dass die Wasserfrage für alle zentralasiatischen Länder von zentraler Relevanz sei.
Die Volkswirtschaften der Region seien komplementär: Tadschikistan und Kirgisistan verfügen über große Wasserressourcen aus den Bergen, haben aber kaum Energierohstoffe. Kasachstan unterstützt beide Länder jährlich mit humanitären Energielieferungen, um Versorgung und Stabilität zu sichern. „Das wird nicht umsonst gemacht“, sagt er.
Diese regionale Solidarität ist kein Einbahnverkehr, sondern Ausdruck wechselseitiger Abhängigkeit. Kasachstan will das Thema Wasser nicht im Alleingang, sondern gemeinsam mit der Region voranbringen. Institutionell unterstreicht Astana diesen Anspruch mit dem geplanten Regionalen Ökologischen Gipfel 2026 (Regional Ecological Summit, RES 2026), der vom 22. bis 24. April 2026 in Astana stattfinden soll.
Vorgesehen ist ein hochrangiges Segment mit Staats- und Regierungsvertretern. Der Gipfel soll als Plattform dienen, um gemeinsame, praxisnahe Lösungen für Klima-, Umwelt- und Ressourcenfragen in Zentralasien zu entwickeln. Geplant sind ein Aktionsprogramm für die Jahre 2026 bis 2030, neue regionale Umweltprojekte sowie die Einbindung internationaler Organisationen.
Beteiligt sein sollen unter anderem die Vereinten Nationen, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA), die Internationale Energieagentur (IEA), die Weltbank und die Asiatische Entwicklungsbank (ADB). Laut den vorliegenden Unterlagen werden rund 1500 Teilnehmer aus Zentralasien, der EU, der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit und dem Nahen Osten erwartet.
Am Rande des Gipfels tagt auch der Aralfonds mit Beteiligung der zentralasiatischen Staatspräsidenten. „Wir wollen, dass Zentralasien im Fokus der Weltgemeinschaft für Umweltthemen steht“, sagt der Botschafter. Dass 152 Länder bei den Vereinten Nationen für die Einrichtung eines regionalen UN-Zentrums in Almaty gestimmt haben – darunter auch Konfliktparteien –, zeige das gewachsene internationale Vertrauen in Kasachstan.
Astana fordert eigene internationale Wasserorganisation
Der Anspruch geht noch weiter: In einem Non-Paper des kasachischen Außenministeriums wird Wasser ausdrücklich nicht nur als Versorgungs- oder Umweltthema, sondern als Frage von Sicherheit, wirtschaftlicher Entwicklung, Resilienz, Kooperation und Stabilität beschrieben.
Astana wirbt darin für eine Reform der internationalen Wasser-Governance – das Mandat sei heute über zahlreiche UN-Einheiten verteilt und damit zersplittert. Präsident Kassym-Schomart Tokajew hat deshalb 2025 eine eigenständige internationale Wasserorganisation unter dem Dach der Vereinten Nationen vorgeschlagen. Für den weiteren Verlauf des Jahres 2026 beschreibt das Papier ein „kritisches Zeitfenster“, um Wasserpolitik stärker in globale Reform- und Sicherheitsdebatten einzubetten.
„Woran liegt es eigentlich?“
Bei dem Roundtable stellt ein anwesender Journalist die zentrale Frage: Wenn Kasachstan deutschen Unternehmen anbiete, nicht nur Anlagen zu liefern, sondern ganze Wasserbetriebe zu managen – „dann müssten die Ihnen doch die Türen einrennen. Also, was ist denn das Problem?“ Die Diskussion werde zu „etatistisch“ geführt, also zu stark auf staatliche Fördermittel fokussiert, statt die privatwirtschaftlichen Chancen in den Blick zu nehmen. Gerade angesichts schwacher Wachstumsperspektiven in Deutschland müssten Auslandsmärkte wie Zentralasien eigentlich hochattraktiv sein.
Der Botschafter illustriert das Potenzial mit einem konkreten Beispiel: Ein kleines deutsches Unternehmen für Hörgeräte habe 100.000 Euro in den kasachischen Markt investiert und innerhalb eines Jahres den fünffachen Gewinn erzielt, nach zwei Jahren den zehnfachen. „Es geht nicht um Großartikel, es geht um ganz konkrete Aktivitäten, die die Kasachen brauchen“, sagt er.
Der Wassersektor biete dabei ein ungleich größeres Geschäftsvolumen: Kommunale Netze, Abwassersysteme, Speicher, digitale Steuerung, Betriebsführung und Fachkräfteausbildung für ein Flächenland von der Größe Westeuropas – das sind Aufträge, die über Jahre laufen und erhebliche Umsätze versprechen.
Ein Vertreter des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft bestätigt das wachsende Interesse: Der Handelsumsatz Deutschlands mit Zentralasien hat sich zwischen 2021 und 2024 verdoppelt, wobei Kasachstan rund 80 Prozent davon ausmacht. „Wir haben jetzt genug Formate, wir brauchen wirklich jetzt die konkreten Projekte“, sagt er. Am 28. Mai soll in Berlin ein deutsch-kasachischer Wirtschaftsrat tagen, der als Plattform für konkrete Projektanbahnung dienen soll.
„Ich möchte keine Kriege um Wasser erleben“
Mehrfach wird in der Runde die sicherheitspolitische Dimension des Themas angesprochen. Ein Vertreter der Deutsch-Zentralasiatischen Parlamentariergruppe im Bundestag sagt: „Wir haben schon viele Kriege um Öl erlebt und ich möchte keine Kriege um Wasser erleben.“ Er kenne die Region aus eigener Anschauung und sei am Aralsee gewesen, wo man „180 Kilometer durch eine ausgetrocknete Salzwüste“ fahre.
Ein Vertreter des Bundeslandwirtschaftsministeriums räumt ein, dass der Bundeshaushalt „nicht so üppig ausgestattet“ sei. Projekte liefen bereits, etwa über den Agrarpolitischen Dialog und das Entwicklungsressort. Wasser müsse aber als Querschnittsthema verstanden werden – es berühre Landwirtschaft, Stadtentwicklung, Klimaanpassung und Krisenvorsorge zugleich. Beim Global Forum for Food and Agriculture habe man gemeinsam mit der Münchner Sicherheitskonferenz ein Panel dazu ausgerichtet. Man sei sich bewusst, dass Wasserknappheit auch „als Waffe“ eingesetzt werden könne.
Kasachstan will keine Einbahnstraße
Der Botschafter macht klar, dass Kasachstan nicht bloß Absatzmarkt für deutsche Exportprodukte sein will. „Früher standen deutsche Waren im Vordergrund. Heute ist das Verhältnis komplexer“, sagt er. Gefragt seien nicht nur Lieferungen, sondern Technologie, Know-how und gemeinsame Wertschöpfung. „Unsere Volkswirtschaften sind komplementär. Kasachstan kann viel zur Energie- und Rohstoffsicherheit Deutschlands beitragen. Aber wir könnten mehr erreichen, wenn auch Deutschland mehr einbringt.“
Auf die Frage, ob Kasachstan nicht einfach stärker mit China kooperieren könne, antwortet der Botschafter nüchtern: China und Russland seien Nachbarn, mit denen man ohnehin zusammenarbeite. Aber Kasachstan diversifiziere bewusst und sehe Deutschland als Schlüsselpartner in Europa. „Wir würden uns wünschen, dass die deutsche Seite pragmatischer und beweglicher agiert“, sagt ein Botschaftsvertreter.
Der Vorsitzende des Liberalen Mittelstands bestätigt diesen Eindruck: Auch auf dem zeitgleich stattfindenden Berliner Handelsimmobilienkongress sagten ausländische Unternehmen „das Gleiche: Liebe Deutsche, seid doch ein bisschen pragmatischer, schneller in der Umsetzung.“
Holistische Ansätze statt isolierter Technik
Eine Vertreterin der German Water Partnership betont, dass Wasserpolitik nicht mehr isoliert gedacht werden dürfe. Die Folgen der Klimakrise zeigten sich weltweit in ähnlicher Form: Überschwemmungen, Dürren, schwindende Speicherfähigkeit von Landschaften. „Wir müssen ganz viel nachdenken darüber, wie wir unsere Landschaften umgestalten, damit die das Wasser besser aufnehmen und halten können“, sagt sie. Nötig seien Runde Tische, an denen Hydrologen, Geologen, Botaniker, Softwareentwickler, Politik und Bevölkerung gemeinsam an Lösungen arbeiteten.
Mehrere Teilnehmer betonen, dass nachhaltige Wasserpolitik ohne Umweltbewusstsein in der Bevölkerung nicht funktioniere. Der Vorsitzende des Liberalen Mittelstands verweist auf ein Beispiel aus Usbekistan, wo Schulen Broschüren zum Thema Wasserverbrauch erhalten. „Wasser ist das blaue Gold der Zukunft“, sagt er.
Ein Vertreter der Parlamentariergruppe warnt zudem vor vorschneller Privatisierung der Wasserversorgung. In Deutschland machten viele Kommunen gerade die gegenteilige Erfahrung und holten privatisierte Betriebe zurück in öffentliche Hand. „Macht nicht die gleichen Fehler“, sagt er in Richtung Kasachstan.
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Nächste Schritte: Wirtschaftsrat, Delegationsreisen, Umweltgipfel
Konkret stehen in den kommenden Wochen mehrere Termine an: Im April reist eine bayerische Wirtschaftsdelegation nach Astana, Ende Juni besucht eine kasachische Wasserwirtschaftsdelegation Bayern. Am 28. Mai findet der deutsch-kasachische Wirtschaftsrat im Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin statt.
Am Ende bleibt der Eindruck eines Landes, das sich als regionaler Gestalter versteht und entschlossen auf Deutschland zugeht – in enger Abstimmung mit seinen Nachbarn und mit wachsendem internationalen Gewicht. Für deutsche Unternehmen, die nach neuen Wachstumsmärkten suchen, liegt in Kasachstans Wasserwirtschaft ein Geschäftsfeld mit langfristiger Perspektive offen. Ob sie es nutzen, ist eine andere Frage.
