Morde, Markt, Migration: Der Yppenplatz, ein Wiener Original
Blaulicht erhellt den Platz. Die Polizei sperrt die Payergasse ab, auf der noch ein paar Kohlköpfe vom Großmarkt liegen. Neugierige Nachbar:innen schauen aus offenen Fenstern auf das Geschehen. Gestern wurde vor einem Gasthaus ein Mann ermordet. Journalist:innen schreiben auf ihre Blöcke, Fotograf:innen schießen Fotos. Der Yppenplatz schafft es in die Schlagzeilen der Zeitungen. Es ist das Jahr 1986. Die Gegend ist verrufen. Morde, Glücksspiel und Prostitution prägen das Grätzl. Die Menschen sind arm, der Putz bröckelt von den Häuserwänden. Heute ist der Yppenplatz wieder in den Medien, wegen Drogen und Gewalt. Damals wie heute dabei: Wolfgang Veit.
Es ist ein warmer Tag im Sommer 2025, Veit trägt ein kurzes Hemd, Cargohosen und Sneaker, Kurzhaarschnitt, Brille. Er sitzt unter einem gelben Sonnenschirm, nippt an einem Soda-Zitron und erzählt vom ersten Mord. Fünf habe es in den ersten fünf Jahren gegeben, erzählt er, alle passiert im Umkreis von 50 Metern um sein Café. Freunde rieten ihm eigentlich von seiner Idee ab. „Am Yppenplatz traust du dich ein Lokal aufzumachen?“, sagte ein befreundeter Arzt zu Veit. Der Name seines Cafés steht auf der Markise über ihm: „Café C.I. Club International“. Eines der ältesten, noch existierenden Lokale am Yppenplatz in Wien-Ottakring.
An diesem Ort zeigt sich das multikulturelle, tolerante, offene Wien. Ein Grätzl, mit dem sich die Stadt gerne schmückt. Student:innen wohnen mit türkischen Arbeiter:innen Tür an Tür. Im Park schwatzen Frauen mit Kopftuch neben schlafenden Obdachlosen. Auf dem Spielplatz toben Kinder aus Akademiker:innen-Haushalten. In den Cafés sitzen Bobos beim Bier. Trotz der sozialen Ungleichheit herrscht ein buntes Miteinander. Aber langsam droht es zu kippen. Drogendealer verticken zwischen altem Marktamt und Fußballkäfig Gras. Sie tragen ihre Konflikte mit Fäusten, Messern und Schusswaffen aus. Die zunehmende Gewalt schadet dem Ruf des Grätzls. Die Anrainer:innen sind verunsichert, die Polizei erließ mit 1. August ein Waffenverbot am Yppenplatz. Täglich patrouillieren Polizist:innen. Ist Wiens Vorzeigeplatz gescheitert?
Der Yppenplatz ist ein Ort, an dem sich der Wandel der Stadt widerspiegelt. Um die Jahrtausendwende werteten Kulturinitiativen das verwahrloste Problemviertel massiv auf. Der Yppenplatz wurde hip. Er zog Student:innen an – und Investor:innen. Nun ringt das Viertel mit Drogendealern. Am Yppenplatz verdichten sich auf 4.000 Quadratmetern die großen Herausforderungen der Stadt: Zuwanderung, leistbarer Wohnraum, Kriminalität und immer mehr auch die Klimakrise. Heute ist der Yppenplatz ein Brennpunkt. Das war er schon einmal: in den 1980er-Jahren.
In Wien herrschte Wohnungsnot. Altbauwohnungen waren abgewohnt und dunkel, die Toiletten am Gang. Der Blick aus dem Fenster ging auf grauen Beton. Der Platz gehörte den Autos. Der Yppenmarkt, ein lokaler Großmarkt, war im Niedergang begriffen. Arbeiter aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien kamen nach Wien. Sprache war nur eine von vielen Barrieren. Es gab keine schicke „Piazza“, keine angesagten Lokale. Niemand ging auf den Yppenplatz, um dort einen Kaffee zu trinken.
Veit wollte das ändern. Er steht damals, 32 Jahre jung, vor einer heruntergekommenen Fleischerei an der Adresse Payergasse 14. Die Miete war günstig, erinnert er sich. Veit und ein paar Freunde renovierten die Räume, stellten Sessel und Tische auf, schafften eine Espressomaschine an. 1983 eröffnete das Café........
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