Wo Wien noch Wien gehört
Mitten im zweiten Wiener Gemeindebezirk wächst eine Stadt in der Stadt. Entlang der breiten Bruno-Marek-Allee schießen moderne Neubauten wie Pilze aus dem Boden. Alle paar Meter blitzt ein noch spärlich wirkender Jungbaum aus dem grauen Asphalt. Folgt man der Straße Richtung Norden, landet man in der Gstett‘n „Freie Mitte“: ein kleiner Park, wo Büsche die alten Gleise des ehemaligen Nordbahnhofs überwuchern. Ein Überbleibsel der Zeit, als am Gelände noch Güterzüge rollten.
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Heute ist der ehemalige Nordbahnhof Wiens größtes Stadtentwicklungsgebiet. Bis zur Fertigstellung soll die Zahl der Bewohner:innen hier auf über 25.000 steigen – so viele wie in der niederösterreichischen Bezirkshauptstadt Baden. Zehn Minuten mit dem Rad zum Stephansplatz, ein Katzensprung zur Donauinsel. Die ideale Öffi-Anbindung, viele Spielplätze und Grünflächen sowie der groß angekündigte leistbare Wohnraum machen das Gebiet für viele Menschen attraktiv – als Wohnort, aber auch als Investition.
Denn im Nordbahnviertel wurde ein grundlegender Fehler gemacht: Öffentlicher Boden wurde an private Firmen verkauft, und zwar deutlich unter dem Marktwert. Wie der Rechnungshof in einem Bericht kritisiert, verkauften die ÖBB ihre Liegenschaften im Wert von 162,70 Millionen Euro ohne öffentliche Interessent:innenensuche direkt an eine Bieter:innengemeinschaft, wie die Wiener Städtische und Tochtergesellschaften der Raiffeisen- und Oberbank. Diese erwarben 2015 große Teile des alten Bahnhofsgeländes und errichteten dort rund 10.000 Wohnungen. Der Großteil davon ist für die meisten Wiener:innen heute unleistbar.
Mit dem Verkauf verlor die Stadt ihre Gestaltungshoheit. Große Flächen gingen für die öffentliche Nutzung verloren und der Wohnraum wurde weitgehend zum Spekulationsobjekt.
Ein gravierender Fehler, sagt auch die Stadtplanerin Gabu Heindl: „Die gesamte Grundlagenforschung der Stadtplanung zeigt klar, dass öffentliche Grundstücke nicht mehr privatisiert werden sollten“, erklärt die Expertin gegenüber der WZ. Umso unverständlicher sei es, dass in einem Stadtentwicklungsgebiet ehemalige ÖBB-Flächen zu weniger als einem Drittel für den geförderten Wohnbau genutzt werden.
Wenn öffentlicher Boden verkauft wird
Heute steht das Nordbahnviertel im Kleinen dafür, was die Stadt im Großen versäumt hat: Boden im öffentlichen Besitz zu halten. Denn Stadt und Republik veräußerten immer wieder Flächen an private Investor:innen.
Die WZ hat sich deshalb die Grundstücke in öffentlicher Hand genauer angeschaut, also sowohl die Liegenschaften der Stadt Wien als auch die Gebäude der Republik Österreich. Insgesamt sind es rund 19.213 Hektar, was rund sechsmal der Fläche von Liesing entspricht. Anders ausgedrückt: Weniger als die Hälfte der städtischen Flächen, rund 46 Prozent, gehören noch der Stadt Wien. Das zeigen exklusive Daten, die die WZ durch Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz erhielt.
Diese Karte zeigt den Flächenbesitz der Stadt Wien. Dazu gehören das Rathaus, das AKH, die vielen Gemeindebauten und vor allem Grünfläche – beispielsweise der Lainzer Tiergarten und die Lobau.
Daneben besitzt Wien auch einige landwirtschaftlich genutzte Flächen sowie beinahe das gesamte Verkehrsnetz. Die Alte und die Neue Donau befinden sich auch im Besitz der Stadt, nicht jedoch die Donau selbst........
