„Aber das sind doch deine Eltern“
Amalia sitzt auf der Couch und sieht sich einen Film an, als eine Szene läuft, die kaum klischeehafter sein könnte: Eine Tochter gerät mit ihrem Vater in einen heftigen Streit. Ihre letzten Worte, bevor sie geht, sind: „Ich hasse dich.“ Später erfährt sie, dass er bei einem tödlichen Unfall ums Leben gekommen ist, und bleibt mit überwältigenden Schuldgefühlen zurück. Die Szene trifft Amalia etwas, denn seit etwa zwei Jahren hat sie selbst keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater. „Manchmal denk ich mir, du wirst es vielleicht mal bereuen, aber ich bleib mir halt selbst treu und weiß, dass es das Richtige für mich ist, keinen Kontakt mit ihm zu haben.“
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Mit den eigenen Eltern zu brechen, ist längst kein Randthema mehr. Auf TikTok kursiert derzeit ein Trend, bei dem junge Menschen Chatverläufe mit ihren Eltern teilen, zu denen sie den Kontakt abgebrochen haben. Gezeigt werden all jene Nachrichten, die unbeantwortet bleiben, untermalt von emotionaler Musik. Sie erzählen dabei von Trauer, doch oft überwiege ein Gefühl der Erleichterung.
In Amalias Erziehung herrschte stets ein deutliches Machtgefälle, geprägt von Kontrolle und dem Anspruch, nach außen hin „vernünftig“ erscheinen zu müssen. Die Beziehung zu ihrem Vater war dabei mitunter rau und von Härte bestimmt: „Es war teilweise auch eine sehr grobe Beziehung.“ Sie beschreibt vieles als mehr Schein als Sein. Eine Erkenntnis, die sich besonders zuspitzte, als ihr Vater begann, ihren damaligen festen Freund schlechtzureden, nur weil dieser nicht aus einem privilegierten Elternhaus stammte. „Ich bin darauf nicht eingegangen, was meinen Vater ärgerte, weil er meinte, er wüsste immer, was das Beste für mich ist”, so Amalia.
Der Weg zum Kontaktabbruch
„Explizite Gründe für einen Kontaktabbruch können sein: chronische Grenzverletzungen, emotionale Vernachlässigung, also das Emotional-nicht-verfügbar-Sein, oder auch die Invalidierung der Lebensentwürfe der Kinder”, erklärt Psychotherapeutin Sabine Pilz. Eine klare Antwort gäbe es nicht, da solche Situationen immer individuell seien. „Die Forschung zeigt aber, dass Kontaktabbrüche ganz selten impulsiv passieren.“ Vielmehr sei es das Ergebnis eines längeren Eskalationsprozesses, so Pilz.
So auch bei Amalia: All diese Erfahrungen sammelten sich in ihr an; zum endgültigen Bruch kam es schließlich durch eine Handlung ihres Vaters, die Amalia bis heute nicht nachvollziehen kann. Als sie 20 Jahre alt war, entschied er sich........
