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Wiener Charakterköpfe

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08.08.2025

Der Wiener Theaterwissenschaftler und Musiker Gerald Stocker Stocker arbeitet an der Wiener Volksoper und hat 2004 den Protestsongcontest im Rabenhoftheater ins Leben gerufen. „Nebenher bin ich Sammler“, sagt er, das hat ihn anfällig gemacht für die Köpfe . Zu Beginn des Jahres 2021, mitten im Lockdown, spazierte er zusammen mit seinem Sohn durch die Josefstadt. Er wollte Streetart fotografieren, aber "anstatt hässlicher, nichtssagender Tags, wie man sie überall in der Stadt findet, sahen wir plötzlich den ersten Kopf." Auf seinem Weg in die Volksoper entdeckte er am Tag darauf gleich weitere, ein paar Tage später hatte er über hundert fotografiert. „Seither ist es wie mit den Panini-Pickerln“, sagt er. „Ich will sie alle haben.“ 1064 Portraits sind es, die er bis heute gefunden hat, den letzten vor ein paar Tagen im elften Bezirk. „Ich glaube, ich bin à jour“, sagt er. Ob er aber nicht doch ein paar übersehen hat, weiß er natürlich nicht.

Über den Zeichner der Köpfe weiß er genauso wenig, obwohl er seit vier Jahren sehr viel über ihn nachdenkt und die Suche nach diesen Köpfen den Großteil seiner freien Zeit beansprucht. Oder das Nachgehen von Hinweisen. Um die 150 Menschen sind es mittlerweile, die ihn auf Köpfe hingewiesen haben, die alle nach links schauende Männerprofile zeigen. Die meisten kannte er freilich schon, darunter richtige „Ostereier“, wie er sie nennt: Portraits an schwer zu findenden und kaum begangenen Wegen, wahre Geschenke also.

Meist nimmt er das Rad, um nach ihnen Ausschau zu halten, jeden Samstag und Sonntag wendet er dafür bis zu vier Stunden auf. Wie ein Profiler versucht er dabei, sich in die Gedankenwelt des Zeichners zu versetzen, und sucht nach „missing links“, er denkt Sachen wie: Wenn an dieser Ecke einer ist und dort drüben ein weiterer - müsste dann nicht auch hier einer sein?

Die allermeisten Portraits befinden sich in einer Höhe von ca. 1,80 Metern, was ihn vermuten lässt, dass es sich bei dem Zeichner um einen Mann handelt. Diese Vermutung unterstreichen die Köpfe, die er auf Herrentoiletten sogenannter Wiener Alternativlokale gefunden hat: Dem Futuregarden, dem Amerlingbeisl oder dem Café Frida am Yppenplatz. Dass sich ein Kopf auch auf der Damentoilette des Wiener Votivkinos befindet, erklärt er sich so: „Wahrscheinlich hat er selbst nicht gemerkt, dass er sich in der Türe geirrt hat.“

Die Art der Lokale lässt ihn außerdem denken, dass........

© Wiener Zeitung