Roter Teppich für Gewalt?
Als Kanye West und seine Ehefrau Bianca Censori auf dem roten Teppich der Grammys ankommen, trägt er ein schwarzes Shirt, eine schwarze Hose und schwarze Sonnenbrillen. Sie ist in einen dunkelbraunen Pelzmantel gekleidet und geht auf hautfarbenen Highheels.
Sie wechseln ein paar Worte. Er sagt etwas zu ihr, das nach einer Handlungsanweisung aussieht. Sie zieht ihren Mantel nach oben und enger an ihren Körper, wirkt, als wäre ihr unwohl, wirkt, als würde sie ihren Kopf schütteln und „No“ sagen. Dann tritt er einen Schritt nach rechts, weg von ihr. Sie dreht sich um und lässt den Mantel von ihren Schultern gleiten. Darunter trägt sie ein enges und gänzlich transparentes Minikleid. Sie dreht sich erneut um – auch vorn ist das Kleid transparent – und zieht ein paarmal am Rocksaum, wie das Frauen, die sich in zu kurzen Kleidern unwohl fühlen, öfter tun. Wenn das Schauspiel nicht so bedrückend wäre, würde der verzweifelte Versuch, sich durch das Herunterziehen eines ohnehin durchsichtigen Kleides etwas mehr zu bedecken, oder der – im wörtlichen Sinn – Bloßstellung ein Stück weit entgegenzuwirken, fast komisch anmuten. Das tut es aber nicht, vielmehr ist der Anblick ein durch und durch verstörender. Was die Szenerie zusätzlich beklemmend macht, ist, dass Censori eben nicht einfach nur nackt ist, sondern in ihrem hautengen Minikleid seltsam zusammengeschnürt wirkt. Schon bei früheren gemeinsamen Auftritten mit Kanye West trug Bianca Censori Kleidung, die sie nicht einfach entblößte, sondern dabei auch noch faktisch bewegungsunfähig machte. In der sie nicht nur wie ein Stück Fleisch – sein Stück Fleisch – zur Schau gestellt wurde –, sondern in der sie gleichzeitig gefesselt war.
Ich werde die Fotos und Videos hier im Übrigen nicht reproduzieren und auch nicht auf sie verlinken. Denn wenn Censoris Nacktheit das ist, wofür ich sie halte – nämlich ein öffentliches sexualisiertes Demütigungsritual – partizipieren Millionen Menschen weltweit gerade an ihrem Missbrauch. Ich möchte mich daran nicht beteiligen.
Kanye West, der bekannt dafür ist, die Kleidung seiner Partnerinnen zu designen und darüber zu bestimmen, was sie bei gemeinsamen Auftritten zu tragen haben, führt Bianca Censori auf dem Red Carpet der Grammys vor „wie ein Bauer sein Vieh“ bei der Fleischbeschau.
In keinem Moment eilt ihr irgendjemand zu Hilfe oder fragt nach, ob sie diese brauchen würde. Niemand schreitet ein. Im Gegenteil: Das Blitzlichtgewitter geht unbeirrt weiter, als würde es hier nur um einen weiteren provokanten Auftritt gehen, ein weiteres freizügiges Outfit, ein bisschen aufsehenerregende Fashion, ein bisschen Skandal-Entertainment für die Massen. Und im Anschluss werden die Fotos und Videos des Auftritts millionenfach weiterverbreitet. Auch von jenen Menschen, die ihn kritisch besprechen. Auch von jenen Menschen, die in ihm Gewalt erkennen. Gewalt, die sich vor aller Augen abspielt und an der die Öffentlichkeit partizipiert.
Viele, die selbst Missbrauch in Beziehungen erlebt haben, Menschen kennen, die ihn erlebt haben oder Expertinnen zum Thema sind, befinden seither online, dass der Auftritt von Kanye West und........
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