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51 Prozent der Bevölkerung. 1 Tag im Jahr.

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15.03.2025

Und diese „Frauen“ machen sogar etwa 51 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, also die Mehrheit. Deshalb reicht es auch völlig aus, einen Tag im Jahr über jene Anliegen, die sie betreffen, zu berichten, Veranstaltungen zu „Frauenthemen“ abzuhalten oder im Unternehmen eine weibliche Keynote-Speakerin zu buchen, die über den Gender Pay Gap referiert, während in diesem Unternehmen Frauen um 18,3 Prozent weniger Lohn erhalten als Männer.

Am 8. März, dem Internationalen Frauentag, wahlweise auch Frauenkampftag oder feministischer Kampftag genannt, werden also die Feministinnen des Landes angerufen und angeschrieben, um gratis Interviews zu geben, um Vorträge zu halten und sich auf Panels zu setzen. Das alles auch am besten gratis, und wenn die Feministinnen dann sagen, dass sie für Arbeit gern bezahlt werden, fragt man entrüstet nach, ob sie nicht „für Frauen“ wären, schließlich ist der Event, den man organisiert, „für Frauen“. Jede Gelegenheit, Frauen gratis arbeiten zu lassen, ist eine gute Gelegenheit, und wenn man feministische Gründe vorschiebt, ist die Gelegenheit noch besser. Die Feministinnen des Landes sollen sich freuen, dass sie einmal im Jahr jemand um ihre Meinung fragt und sie sie gütigerweise in Interviews, auf Podien und auf Bühnen sagen dürfen, einmal im Jahr, sonst interessiert sich ja eh niemand für sie. Und wer so wenig Aufmerksamkeit kriegt, dem sollte Aufmerksamkeit als Bezahlung reichen.

Am 8. März, dem Internationalen Frauentag, sind die Feministinnen des Landes im Dauereinsatz, ganz so, als könnte man sie nicht auch den Rest des Jahres über buchen.

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Nach dem 8. März kann man dann die Frauenfrage endlich wieder für ein Jahr erleichtert beiseitelegen und sich wichtigeren Themen widmen. Dann kann man zuhause wieder für ein Jahr nicht darüber reden, wer all die unbezahlte Arbeit zuhause macht, wer Windeln wechselt und Kotze wegwischt, wer kocht und putzt und Konflikte in der Familie managed, wer die Arzttermine ausmacht für alle Familienmitglieder und wer den Mental Load trägt. Und in der Arbeit kann man wieder ein Jahr nicht darüber reden, wer 44 Tage im Jahr gratis arbeitet, während die Männer am Bürotisch nebenan schon bezahlt........

© Wiener Zeitung