Politik Backstage: „Wer diesmal sprengt, fliegt mit in die Luft“
Das Lokal 6 im Parlament ist bei den Nationalratsabgeordneten als Besprechungsraum sehr beliebt. In dem ausladenden Eckzimmer finden bis zu zwanzig Personen Platz. Es liegt gleich hinter dem Plenarsaal und vis-à-vis der Cafeteria, um sich schnell einen Snack besorgen zu können. Im Gegensatz zu vielen fensterlosen Besprechungsräumen im Parlamentsinneren ist der Raum lichtdurchflutet, bei Bedarf aber gegen unwillkommene Beobachter mit blickdichtem Sonnenschutz abschirmbar.
Der Sonnenschutz war diesen Dienstag, einem trüben Spätwintertag, bis zur unteren Fensterkante heruntergezogen. Denn das Parlament wimmelte an diesem Tag vor Fotografen und TV-Kamerateams. Kein noch so gewitzter Fotoreporter sollte in Versuchung kommen, von außen mit dem Teleobjektiv ein Bild vom Geschehen im Inneren zu schießen. Denn im Lokal 6 hatten diesen Dienstag um elf Uhr vormittags FPÖ-Chef Herbert Kickl und ÖVP-Chef Christian Stocker, begleitet von je zwei Sekundanten, zum finalen Gespräch in Sachen Blau-Schwarz Platz genommen.
Ein findiger Polit-Paparazzo hätte blitzschnell zuschlagen müssen, um einen schlüssellochartigen Schnappschuss zu machen. Kickl und Stocker ließen die vor dem Lokal 6 auf ein Statement der Verhandler wartenden Bild- und Textreporter zwar gut vier Stunden in dem Glauben, sie würden um eine Lösung im Personal- und Programmpoker ringen. In Wahrheit hatten sie aber den Verhandlungssaal bereits nach 20 Minuten ergebnislosen Austausches von ultimativen Forderungen durch einen uneinsehbaren Seitenausgang Richtung Stiegenhaus verlassen.
Der blau-schwarze Polit-Quickie im Lokal 6 war der letzte persönliche Kontakt zwischen Kickl, Stocker & Co. Das Verhandlungslokal trägt wie jeder Raum seit der Parlamentsrenovierung nebst einer austauschbaren Nummer einen geschichtsträchtigen Namen. Das Lokal 6 hört auf den Namen „Fellerer/Wörle“. Parlamentspräsident Sobotka wollte damit jene beiden Architekten würdigen, die nach dem Zweiten Weltkrieg verantwortlich waren, das von Bombentreffern und von gelegten Bränden zur Dokumentenvernichtung durch Nazi-Bedienstete beschädigte Parlamentsgebäude fachgerecht wieder aufzubauen.
Optimisten in den Abgeordnetenreihen glauben: Dass just Kickl und Stocker hier nach einem kurzen Techtelmechtel Schluss machten, hätte das Zeug, zum Symbol zu werden. Nachdem 20 Wochen nach der Wahl nun auch der dritte Anlauf zu einer Regierung gescheitert ist, könnte das die Wiederauferstehung des hierzulande nach wie vor darniederliegenden Parlamentarismus einläuten. Nachdem sich die Parteien querdurch auf keine Koalition einigen konnten, könnte nun die Stunde der Volksvertretung schlagen: dank einer abseits der FPÖ von allen vier anderen Parlamentsparteien geduldeten Übergangsregierung, die bei der politischen Willensbildung auf das freie Spiel der Kräfte im Parlament setzt.
Ob dieser außerhalb des Polit-Betriebs zuletzt wieder besonders gehätschelte Tagtraum Wirklichkeit wird, soll sich in den kommenden Wochen entscheiden.
Vorerst heißt es einmal: zurück an den Start. Seit spätestens Anfang Februar absehbar wurde, dass nun auch Herbert Kickl und Christian Stocker auf keinen blau-türkisen Zweig kommen, war hinter den Kulissen wieder Sondieren angesagt – zunächst in vertraulichen Telefonaten der Präsidentschaftskanzlei, mit dem Platzen von Blau-Schwarz ist nun auch auf offener Bühne Speed-Dating angesagt: Türkis, Rot, Pink und Grün sollen, so der Wunsch der Hofburg, rasch untereinander ausloten, wie es in den kommenden Monate weitergehen kann.
Alexander Van der Bellen hat die vier Optionen – ausdrücklich ohne persönliche Wertung – genannt. Für die meisten........
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