„Live“ von Marius Müller-Westernhagen: Politik und ganz viel Gefühl
Es soll wirklich Leute geben, die glauben, David Hasselhoff hätte allein durch das Singen seines Hits „Looking for Freedom“ an der Berliner Mauer ebendiese zu Fall gebracht und ergo den Eisernen Vorhang. Mindestens aber wird der Song als Teil des inoffiziellen Soundtracks der Wendezeit gehandelt. Wie etwa „Wind of Change“ von den Scorpions (das ja tatsächlich unter den Eindrücken der in der damaligen UdSSR geschrieben wurde).
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Oder „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen. Die unscheinbare Klavier-Ballade hat der Musiker bereits 1987 veröffentlicht, auf seinem Album „Westernhagen“. Es war die Zeit, als der Künstler seine Schauspielkarriere zugunsten der Musik austrudeln ließ und Jeans und Lederjacke gegen Anzüge tauschte. „Freiheit“ war in der Studioversion nicht mal eine Single, die große Stunde des Songs schlägt jedoch zwei Jahre später mit dem Fall der Mauer.
Westenhagen begeistert bei „Halleluja“-Tour mit Gänsehautmoment
Westernhagen befindet sich Ende 1989 auf der „Halleluja“-Tournee, seiner bisher größten, die eine halbe Million Menschen sehen. Am 20. Dezember tritt er in der Dortmunder Westfalenhalle auf, die innerdeutsche Grenze ist seit Anfang November geöffnet, im Publikum sind mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Fans aus der DDR. Das Konzert wird ein Jahr später als Live-Album veröffentlicht, das erste des Musikers.
Auch „Freiheit“ steht auf der Set-List und die Vertrautheit, die Energie zwischen dem Musiker und seinem Publikum ist auch konserviert zum Greifen nah – es ist ein Gänsehautmoment, ein Höhepunkt des Auftritts. Diesen kann man dank der Filmemacher Rudi Dolezal und Hannes Rosacher alias „DoRo“ auch heute noch nachempfinden. „Live – der Konzertfilm 1989“ wurde ebenfalls während der „Halleluja“-Tour produziert, allerdings an zwei Abenden – am 16. und 17. Dezember – in der Hamburger Sporthalle.
Zwei Wochen vor der deutschen Wiedervereinigung veröffentlicht
Auch das berühmte Musikvideo mit dem Lederwesten-Westernhagen, der bei „Freiheit“ im Lichtermeer und Publikumschor badet, stammt aus dem Film.
Die Live-Fassung des Songs wird passenderweise zwei Wochen vor der deutschen Wiedervereinigung als Single aus dem Album ausgekoppelt und durch den Strudel der historischen Ereignisse und Emotionen der Wiedervereinigung zu einem der bekanntesten Songs Westernhagens – und zu einer Hymne und zum Sinnbild der politisch-gesellschaftlich bewegten Zeit.
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Er habe den Song Mitte der 80er eigentlich nicht vor dem Hintergrund aktueller Tagespolitik geschrieben, sagt Westernhagen in einem Interview zu seinem Konzertfilm. Das Lied handele vielmehr von seinem persönlichen Verständnis von Freiheit, so der Musiker.
Live-Album mit jeder Menge Klassiker
Es ist trotzdem der richtige Song zur richtigen Zeit. Und er zeigt das viel beschriebene Eigenleben, das ein Lied entwickeln kann, sobald es veröffentlicht wird und nicht mehr zur Deutungshoheit des Künstlers gehört, sondern in das seines Publikums übergeht. Das gilt für viele Lieder Westernhagens, die schon Ende der 80er-Jahre eine beeindruckende Dichte an Klassikern aufweisen, wie das Live-Album zeigt: „Sexy“, „Dicke“, „Ich bin fertig“, „Lass uns leben“, „Johnny Walker“ oder „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“.
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1,5 Millionen Einheiten verkauft die Platte, ein neuer Rekord für die Live-LP eines deutschen Künstlers. Auch die Tournee setzt Maßstäbe, etwa bei der Bühnenshow und der Qualität der Band. Die ist so eingespielt, dass die Tonspuren des Albums angeblich nicht nachträglich bearbeitet werden müssen.
Neuer Sound steigert das Live-Erlebnis
Den dazugehörigen Konzertfilm, gespickt mit Aufnahmen aus dem Backstage-Bereich und von den Proben, gibt es nun restauriert erstmals auf Blu-Ray mit Bonusmaterial wie einem kurzen Interview, einem Making of des Films und drei Songs in alternativen Schnitten.
Der wahre Bonus aber sind die erweiterten Soundspuren in remastertem Stereo und in 5.1 sowie einem Dolby-Atmos-Mix.
Wir stellen in #langenichtgehört vergessene, verkannte oder einst viel gehörte Alben vor. Alle Folgen gibt es hier.
