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Wer Frankreichs Zorn entfesselt, könnte von ihm verschlungen werden

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23.10.2026

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Wer Frankreichs Zorn entfesselt, könnte von ihm verschlungen werden

23. Oktober 2026 | Maurice Dorffer

Le Pen und Mélenchon wollen die Krise für den Weg in den Élysée nutzen. Warum ihr Kalkül mit der Wut der Straße gefährlich ist.

VON MAURICE OLIVIER DORFFER

Präsident Emmanuel Macron greift nach den schweren Krawallen durch: Für Samstag kündigt die Regierung strenge Auflagen für Demonstrationen an. In mehreren Städten sind Proteste verboten, die Sicherheitsbehörden bleiben alarmiert. Lässt sich dadurch die Ruhe wiederherstellen?

Kaum eine Institution hat dem französischen Königtum im 18. Jahrhundert so zugesetzt wie die parlements. Die obersten Gerichtshöfe des Ancien Régime blockierten Steuerreformen, überzogen die Krone mit Remonstranzen und machten sich jede Unzufriedenheit zu eigen, ob es um Brotpreise, neue Abgaben oder kirchliche Streitfragen ging. Sie gaben sich als Anwälte des Volkes und verteidigten doch vor allem ihre eigenen Privilegien. Voltaire verspottete die Magistrate des Pariser parlements als Ochsentiger („bœufs-tigres“), stumpf wie Ochsen und grausam wie Tiger. Mehr als zwei Jahrhunderte später hat dieses Rollenspiel in Frankreich neue Darsteller gefunden.

Begonnen hatte es Ende September, aus Protest gegen Lehrermangel, überfüllte Klassen und marode Gebäude. Über die Anfänge der Bewegung habe ich hier bereits berichtet. Bis Anfang Oktober zählte das Innenministerium mehr als 6.100 Festnahmen, die meisten davon Minderjährige. Am 6. Oktober kündigte Premierminister Sébastien Lecornu an, den Unterricht an den Lycées bis Ende der Woche auszusetzen, wenige Stunden später ruderte die Regierung zurück.

Beruhigt hat das niemanden. Am Samstag mündete der Protest in eine landesweite Mobilisierung gegen die hohen Lebenshaltungskosten. Zwischen 550.000 und 800.000 Menschen gingen auf die Straße, rund 2.400 wurden festgenommen, fast 1.000 Polizisten und Gendarmen verletzt. In Lyon brannte das Fremdenverkehrsamt, in Bordeaux wurde die Residenz des Präfekten verwüstet, in Lille und Marseille drangen Vermummte in die Rathäuser ein. Die Bilder aus Marseille sind besonders verstörend. Der Handelsverband FCD schätzt, dass landesweit rund 1.500 Geschäfte angegriffen wurden, der Schaden gehe in die Hunderte Millionen Euro.

In Paris zählte die Präfektur 110.000 Teilnehmer. Rund um die Place de la République verloren die Sicherheitskräfte zeitweise die Kontrolle, während nicht angemeldete Gruppen noch bis tief in die Nacht versuchten, zum Élysée-Palast vorzudringen. Geschäfte wurden geplündert, die Sitze der Sender CNews und Europe 1 angegriffen. Dutzende Fahrzeuge wurden in Brand gesetzt. Auf dem Boulevard Magenta brach ein Demonstrant zusammen und starb an einem Herz-Kreislauf-Stillstand, während ein Polizist in kritischem Zustand im Krankenhaus lag. Die Polizeigewerkschaft Unsa-Police sprach von völlig überrannten........

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