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Azubi-Krise nicht nur in Bayern: Viele Übernahmen, zu wenige Bewerber

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26.03.2026

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Azubi-Krise nicht nur in Bayern: Viele Übernahmen, zu wenige Bewerber

26. März 2026 | Anja Georgia Graw-Bärwalde

Zwischen Flaute und Fachkräftedruck: In der Metall- und Elektroindustrie fehlt es an Auszubildenden. Für den Freistaat gibt es jetzt konkrete Zahlen. Aber das Problem betrifft ganz Deutschland

VON ANJA GEORGIA GRAW-BÄRWALDE

Die bayerische Metall- und Elektroindustrie gilt traditionell als Rückgrat der industriellen Ausbildung in Deutschland. Doch aktuelle Zahlen zeigen: Selbst dieses stabile System gerät unter Druck. Was sich im Freistaat abzeichnet, ist kein regionales Phänomen und auch nicht auf eine Branche beschränkt, sondern ein Menetekel für die Entwicklung in der gesamten Bundesrepublik. „Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in Deutschland und Bayern ist branchenübergreifend gesunken“, sagt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer von bayme – Bayerischer Unternehmensverband Metall und Elektro e.V. und vbm – Verband der Bayerischen Metall- und Elektro-Industrie e.V. am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in München.

Bayern: Ein Frühwarnsystem der Industrie

Gleich mehrere Gründe werden angeführt: Die schlechte Konjunktur, strukturelle Mängel, Bewerbermangel. So ist die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in der Metall- und Elektroindustrie im vorigen Jahr um 10,9 Prozent gesunken. Für 2026 wird ein weiterer Rückgang um acht Prozent erwartet. Die vbw spricht von einer ohnehin „angespannten Lage“, die nun zunehmend auch auf den Ausbildungsmarkt durchschlägt.

Dabei handelt es sich keineswegs um einen plötzlichen Einbruch. Laut vbw wirkt sich insbesondere die schwache wirtschaftliche Entwicklung direkt auf das Ausbildungsengagement der Unternehmen aus. 39 Prozent der Betriebe geben an, dass Standortprobleme ihre Ausbildungsaktivitäten beeinträchtigen; dieser Wert hat sich innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt.

Hinzu kommt ein Problem, das die Branche seit Jahren begleitet: der Mangel an geeigneten Bewerbern. Fast die Hälfte der Unternehmen nennt fehlende passende Kandidaten als Hauptgrund für sinkende Vertragszahlen, nahezu ebenso viele beklagen zu wenige Bewerbungen insgesamt. Die vbw bringt es auf den Punkt: Das „Matching zwischen Unternehmen und Azubis bleibt eine Herausforderung“.

Paradox erscheint dabei, dass die Chancen für Jugendliche eigentlich gut sind. Statistisch kommen in Bayern derzeit rund 1,5 Ausbildungsplätze auf einen Bewerber. Doch Angebot und Nachfrage finden nicht zueinander – ein strukturelles Problem, das weit über Bayern hinausweist.

Gleichzeitig bleibt die Qualität der Ausbildung hoch: Die Übernahmequote liegt bei über 89 Prozent und könnte 2026 sogar auf knapp 93 Prozent steigen. Auch die Vergütung ist attraktiv und steigt weiter. Für die vbw ist klar: Die Unternehmen investieren weiterhin bewusst in Nachwuchs – trotz schwieriger Rahmenbedingungen.

Deutschland: Ein strukturelles Problem

Die Entwicklung in Bayern ist kein Sonderfall, sondern spiegelt einen bundesweiten Trend. Denn in ganz Deutschland ist die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge leicht rückläufig. Besonders betroffen sind industrielle Kernbranchen wie Metall und Elektro, die stark konjunkturabhängig sind.

Eines der von Brossardt benannten Probleme sind mit mangelnder Mobilität verknüpft: Man könne nur schwer junge Menschen dafür gewinnen, täglich aus dem Umland von München-West nach München-Ost zu pendeln. Der Zustand des ÖPNV, die Pünktlichkeit von Bahnen, die hohen Spritpreise, alles dies sind Gründe dafür.

Mehrere Faktoren kommen zusammen

1. Demografischer Wandel

Die Kinderarmut kommt ins Erwachsenenalter, die Zahl der Schulabgänger sinkt seit Jahren. Gleichzeitig entscheiden sich mehr junge Menschen für ein Studium statt für eine duale Ausbildung. Das reduziert den Pool potenzieller Bewerber – besonders in technisch anspruchsvollen Berufen.

2. Passungsprobleme (Mismatch)

Wie in Bayern zeigt sich bundesweit: Es gibt in der Regel nicht zu wenige Ausbildungsplätze, sondern zu wenige passende Bewerber. Regionale Unterschiede, Qualifikationsdefizite und mangelnde Berufsorientierung verschärfen das Problem.

3. Konjunkturelle Unsicherheit

Die seit Jahren schwache Wirtschaftslage, wachsende geopolitische Risiken und strukturelle Herausforderungen – etwa Energiepreise oder die teure Transformation hin zur Elektromobilität – führen dazu, dass Unternehmen vorsichtiger planen. Ausbildung wird langfristig gedacht, während kurzfristige Unsicherheit bremst.

4. Transformation der Industrie

Die Metall- und Elektroindustrie befindet sich mitten im Wandel: Digitalisierung, Automatisierung und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz verändern Berufsbilder grundlegend. Auch in Bayern setzt bereits über ein Drittel der Unternehmen KI in der Ausbildung ein. Bundesweit zeigt sich derselbe Trend – mit neuen Anforderungen an Qualifikationen und Ausbildungssysteme.

Warum sich die Herausforderungen verschieben

Trotz aller Probleme bleibt die duale Ausbildung ein zentraler Pfeiler der deutschen Wirtschaft. Gerade die hohe Übernahmequote zeigt: Wer einmal im System ist, hat hervorragende Perspektiven – in Bayern ebenso wie im Rest des Landes.

Doch die Herausforderungen verschieben sich. Es geht weniger um die Frage, ob ausreichend Ausbildungsplätze vorhanden sind, sondern ob es gelingt, junge Menschen gezielt anzusprechen, zu qualifizieren und für industrielle Berufe zu begeistern.

Die vbw betont daher zu Recht, dass die Nachwuchsgewinnung eine der „wichtigsten Zukunftsaufgaben“ bleibt. Diese Einschätzung lässt sich auf ganz Deutschland übertragen.

Bayern als Spiegel Deutschlands

Die Situation in der bayerischen Metall- und Elektroindustrie ist mehr als eine regionale Momentaufnahme. Sie zeigt exemplarisch, wie wirtschaftliche Unsicherheit, demografischer Wandel und strukturelle Veränderungen zusammenwirken.

Deutschland steht vor einer doppelten Herausforderung: Es muss die Attraktivität der dualen Ausbildung sichern – und gleichzeitig die Transformation der Industrie gestalten. Gelingt das nicht, droht ein schleichender Verlust an Fachkräften in einer Branche, die für Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit entscheidend ist.

Oder anders gesagt: Was heute in Bayern sichtbar wird, könnte morgen zum bundesweiten Normalfall werden. Brossardts Appell geht denn auch Richtung Berlin: Entscheidend sei, so der vbw-Chef, „dass die Bundesregierung jetzt endlich für mehr Planungssicherheit sorgt. Wir brauchen einen Wirtschaftsumschwung mit echten Reformen. Gelingt dies, könnten auch die Ausbildungszahlen wieder steigen.“


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