Als Ruandas Witwen nicht mehr schwiegen
E s gab in Ruanda noch kein Wort für „Völkermord“, als im Frühjahr 1994 bis zu eine Million Tutsi systematisch getötet wurden – zerhackt, erschlagen, erschossen, totgeprügelt, verstümmelt, ertränkt, verbrannt, lebendig begraben, zerrissen, verstümmelt, erhängt. Es gab auch kein Wort für „Trauma“, als Ruandas Tutsi-Guerilla RPF im Sommer 1994 das Land eroberte und die für den Völkermord verantwortliche Armee und Hutu-Milizen nach Kongo verjagte. Gerade rechtzeitig bevor alle Tutsi tot waren.
In Ruandas traditioneller Kultur spricht man nicht über schlimme Erlebnisse, schreibt die Völkermordüberlebende Esther Mujawayo in ihren Memoiren: „Was du für dich in deinem Bauch behältst, das kann dir niemand nehmen. Aber was wir im Genozid durchlebt und überlebt haben, das kann kein Mensch in einem Bauch behalten, sonst würde alles im Bauch explodieren.“
Direkt nach dem Genozid sind 70 Prozent der Bevölkerung Ruandas Frauen. Viele von ihnen sind Witwen, viele Tutsi-Frauen haben alles verloren. Ihre Familien sind tot. In ihren alten Häusern leben Mörder, unbehelligt. Die Leichen des Mannes und der Kinder und der Tanten und Onkel und Neffen und Nichten und Schwiegereltern und Freunde und Bekannten verwesen alle irgendwo, verscharrt vielleicht direkt unter der Erde, oder in der Latrine im Garten, oder hinter den Bananenstauden am Haus - wo genau, wissen nur die Mörder, aber sie verraten es nicht und die neue RPF-Staatsmacht hat andere Sorgen.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
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